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Mehr Zeit zum Leben

Als sich Prudencia Prim, eine gebildete junge Frau mit mehreren akademischen Abschlüssen, sich in dem kleinen Ort San Ireneo de Arnois auf eine Stellenanzeige meldet, in der eine Bibliothekarin gesucht wird, ahnt sie nicht, dass sich mit dieser Anstellung nicht nur ihre berufliche Zukunft verändern wird, sondern auch ihre private.

San Ireneo ist nämlich kein gewöhnliches spanisches Dorf. Dort scheint die Zeit stillzustehen. Ein wenig nostalgisch und märchenhaft wirken die Bewohner und ihre schmucken Häuser und Gässchen, ihre kleinen Läden und Werkstätten, die Redaktion der lokalen Tageszeitung, die nicht morgens, sondern nachmittags erscheint, und das abseits gelegene Kloster. Prudencia Prim weiß, als sie die Stelle antritt, nichts davon, dass die Bewohner allesamt niemals mehr als fünf oder sechs Stunden arbeiten, dass sie ihre eigentlichen Jobs in der Großstadt aufgegeben haben, um in San Ireneo ihrer wahren Berufung nachzugehen und neben der Arbeit noch Zeit für Freundschaften, gute Lektüre und die Erziehung ihrer Kinder zu haben.

San Ireneo ist ein Paradies, eine Oase in einer ansonsten von Hektik, Anonymität und Respektlosigkeit geprägten Welt. Hier wird gearbeitet, weil es einem Spaß macht. Hier werden nachbarschaftliche und freundschaftliche Beziehungen stets mit einer Tasse Kaffee, Gebäck und einem guten Gespräch gepflegt, und Unterhaltungen über Vergil, Homer und Co. sind an der Tagesordnung. Prudencias Arbeitgeber und Vermieter - "der Mann im Armsessel", wie er den ganzen Roman über genannt wird - ist selbst ein humanistisch gebildeter Mann, der eine Bibliothek unterhält und die Kinder seiner verstorbenen Schwester großzieht.

Señorita Prim, die eine Frau mit Prinzipien ist, begegnet der Andersartigkeit der Menschen von San Ireneo zunächst mit Distanz und Argwohn. Je länger sie sich jedoch auf die besondere Lebensweise, die Ruhe und Achtsamkeit der Einwohner dieser kleinen Enklave fernab der modernen und schnelllebigen Welt einlässt, desto mehr lernt sie nicht nur die Personen selbst, sondern auch deren Sicht auf die Dinge zu schätzen. "Das Erwachen der Señorita Prim" lebt von den Dialogen, den kleinen Sticheleien und Diskussionen zwischen Prudencia und "dem Mann im Armsessel", zu dem sie sich trotz seiner fehlenden Feinfühligkeit zunehmend hingezogen fühlt.

Viel Handlung darf man in einem Roman, in dem es um die Entschleunigung unserer hektischen Welt und um genaues Beobachten und Wahrnehmen, schlichtweg um die Freude am Dasein geht, nicht erwarten. Aber genau das ist ja auch der Sinn der Geschichte, die die Wirtschaftsjournalistin Natalia Sanmartin Fenollera sich für ihren Debütroman ausgedacht hat: weniger arbeiten, das Leben mehr genießen und vor allem auf die kleinen Dinge des Lebens achten und sie zu schätzen wissen.

Die leisen und sanften Töne, von denen "Das Erwachen der Señorita Prim" lebt, trifft Stefanie Stappenbeck, bekannt als Uli Steiger im "Polizeiruf 110", besonders gut. Prudencia Prims Charakter ist der einer leicht verunsicherten und oft zweifelnden Frau, die ihren Weg noch finden muss. Mit ihrer Stimme transportiert die geübte Hörbuchsprecherin diese Gefühle so geschickt, dass dem Hörer dieser gekürzten Lesung schnell ein stimmiges Bild der Hauptfigur vor dem geistigen Auge erscheint.

Sabine Mahnel
09.09.2013

 
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Das Buch:

Natalia Sanmartin Fenollera: Das Erwachen der Señorita Prim. Aus dem Spanischen von Anja Rüdiger

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Sprecherin: Stefanie Stappenbeck
Hamburg: Osterwold audio 2013
Spielzeit: 410 Min., € 19,99
ISBN: 978-3-86952-081-0

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