Hörbücher
Der sechste Streich
Die Leiche eines 16-jährigen Mädchens wird aus dem Main geborgen. Sie weist Spuren massiver Misshandlungen auf, kann jedoch nicht identifiziert werden, da merkwürdigerweise niemand das Mädchen vermisst. Die ermittelnden Beamten werden an einen zehn Jahre zurückliegenden Fall erinnert, der ähnlich gelagert war. Parallel dazu wird die bekannte Fernsehmoderatorin Hanna Herzmann, die von Berufs wegen in ihren Sendungen die Schicksale einzelner an die Öffentlichkeit bringt, selbst zu einem Teil des perfiden Puzzles. Sie gerät an eine heiße Story, in deren Verlauf sie zum Opfer eines Gewaltverbrechens mit ähnlichen Merkmalen wird. Kann es tatsächlich sein, dass die Verbrechen aufgrund der ähnelnden Handschrift auf das Konto von ein und derselben Person gehen?
"Böser Wolf" ist der bislang sechste Taunus-Krimi aus der Feder von Nele Neuhaus, die mit ihrem Ermittler-Duo Pia Kirchhoff und deren Chef Oliver von Bodenstein eine sympathische Basis für ihre Erfolgsstory gelegt hat. Die beiden Protagonisten überzeugen seit jeher durch ihre perfekte und harmonische Zusammenarbeit, wobei im Laufe des vorliegenden Falles allerdings sogar das Vertrauensverhältnis der beiden auf die Probe gestellt wird. Stationiert sind Kirchhoff und Bodenstein in Hofheim im Taunus. Ihre Fälle führen sie jedoch durch wechselnde Lokalitäten rund um Frankfurt, in "Böser Wolf" gelangen sie in ihrer Ermittlungsarbeit sogar bis nach Langenselbold in den östlich des Rhein-Main-Gebiets gelegenen Main-Kinzig-Kreis.
Nele Neuhaus´ Werdegang als Bestsellerautorin sollte jedem Hobbyschreiber Mut machen, seinem Traum zu folgen. Sie war stets passioniert beim Schreiben, doch wurde sie in Bezug auf höhere Weihen von allen nur belächelt. Einst verlegte sie ihren ersten Roman in geringer Zahl per "Books on Demand" und nutzte dabei als einen Vertriebsweg den Umstand aus, dass sie in heimischen Metzgereien, die sie im Rahmen ihrer Mitarbeit im Fleischereibetrieb ihres Mannes belieferte, einige Exemplare zum Verkauf hinterlegte. Neuhaus´ Weg lässt sich kein Jahrzehnt später somit durchaus als eine "Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär"-Story bezeichnen.
Fragt man nach dem Geheimnis ihres großen Erfolgs, dann liefert das vorliegende Werk einen guten Erklärungsansatz: Nele Neuhaus widmet sich stets einem spannenden und in "Böser Wolf" darüber hinaus besonders sensiblen Thema, aus dem sie eine richtig gute Geschichte macht, die in viele Richtungen konzipiert ist. Die Geschichte als solche ist lebendig und realistisch konstruiert, dabei durchdacht, aber nicht vorhersehbar. Die Handlung ist spannend und keineswegs eindeutig vorgegeben, trotz der vielen Stränge nicht zu sprunghaft, sondern gut nachvollziehbar erzählt. Dabei gelingt es Neuhaus in ihrem neuesten Thriller meisterlich, die erschreckende Thematik nicht durch das Ausschlachten von Details in Brutalität abgleiten zu lassen. Andreas Franz, der vor knapp zwei Jahren verstorbene Krimiautor aus der unmittelbaren Nachbarschaft von Nele Neuhaus, schlug in seinen Werken stets den blutigen Weg ein, so dass einem bei seinen Detailbeschreibungen ähnlich gelagerter Fälle mitunter speiübel werden konnte. Neuhaus dagegen meistert den Spagat und macht ihre Werke massenverträglich.
In diesem Roman schwingt Nele Neuhaus ein Plädoyer dafür, dass man vom Äußeren eines Menschen niemals Rückschlüsse auf dessen Inneres ziehen und sich von den Äußerlichkeiten keineswegs blenden lassen sollte. Umgekehrt möge man nicht diejenigen vorverurteilen, die verdächtig aussehen oder ob ihrer Vergangenheit naheliegende und gern gesehene Täter sein könnten. Dagegen kann bereits in dem netten Nachbarn der böse Wolf lauern. Neuhaus hat nämlich in "Böser Wolf" nicht nur eine erschreckende Thematik aufgegriffen, sondern auch klar vor Augen geführt, dass Kindesmissbrauch nicht nur in den Nachrichten oder Büchern vorkommt, sondern in der Nähe stattfindet und passiert.
Das vorliegende Hörbuch enthält eine gekürzte Lesung über sechs CDs und knapp acht Stunden, in denen man gefesselt der Stimme Julia Nachtmanns lauscht. Die Dreißigjährige fungiert bereits zum dritten Mal als Sprecherin eines Hörbuchs von Nele Neuhaus und das aus gutem Grund, da sie das perfekte Medium abgibt, um die auf Papier gebannte Spannung dem Audio-Konsumenten zuzuführen. Ein Nachteil des Hörbuchs gegenüber der gedruckten Ausgabe ist leider das Fehlen des Preisrätsels, das Neuhaus im Buch versteckt hat und findigen sowie glücklichen Lesern die Möglichkeit eines "Meet & Greet" mit der Autorin im Taunus eröffnet.
Die Lokalkrimis von Nele Neuhaus weisen gegenüber der Vielzahl von Romanen mit einem regionalen Flair einen erheblichen Unterschied auf, nämlich dass sich die Taunus-Krimis nicht nur einer über die Region hinausgehenden, deutschlandweiten Begeisterung erfreuen, sondern auch international derart populär sind, dass sie bereits in 14 verschiedenen Sprachen erschienen sind. Der prompte Gipfelsturm der hiesigen Bestsellerlisten kurz nach Erscheinen wird dabei fast beiläufig registriert. Nach den Erfolgen ihrer Vorgängerromane hat Nele Neuhaus die Messlatte für ihren jeweils nächsten Taunus-Krimi sukzessive höher gelegt, doch scheint es ihr immer wieder traumwandlerisch zu gelingen, die neuen Höhen zu meistern und die Erwartungshaltung ihrer Anhänger zu übertreffen.
Christoph Mahnel
29.10.2012







