Hörbücher
Ostpreußische Ermittlungen
Kommissar Gereon Rath ist eigentlich bester Laune: Nach Monaten der Trennung kehrt seine Freundin Charly Ritter aus Paris nach Berlin zurück. Von langer Hand geplant unterbreitet er ihr einen Heiratsantrag, auf den die selbstbewusste Charly jedoch verhalten und mit einer unkonkreten Aussage reagiert. Gereon Rath ist daher alles andere als erbaut, dass ihn in dieser privat etwas prekären Situation die Aufklärung eines Mordes im "Haus Vaterland" voll und ganz fordert. Im Vergnügungspalast am Potsdamer Platz wird in den frühen Morgenstunden die Leiche des Spirituosenhändlers Herbert Lamkau gefunden. Die festgestellte Todesursache "Tod durch Ertrinken" stellt die gesamte Berliner Polizei vor ein Rätsel.
"Die Akte Vaterland" firmiert im Untertitel als "Gereon Raths vierter Fall". Der deutsche Schriftsteller Volker Kutscher begann 2007 seine Serie um den Berliner Kommissar. Der Debütroman "Der nasse Fisch" war im Berlin des Jahres 1929 angesiedelt. Die drei mittlerweile erschienenen Fortsetzungen entwickelten sowohl die Figur des Gereon Rath als auch die zeitgeschichtliche Hintergrundhandlung im Berlin der Weimarer Republik konsequent weiter. Über die Jahre 1930 ("Der stumme Tod") und 1931 ("Goldstein") hinweg spielt der vorliegende Fall im Sommer des Jahres 1932 und lässt bereits deutlich die Vorboten des drohenden Unheils im Deutschen Reich spüren.
Trotz der vor achtzig Jahren noch eingeschränkten Vernetzung des übergreifenden Polizeiapparats stoßen Rath und seine Kollegen auf einen weiteren, ähnlich verübten Mord im Reichsgebiet. Schnell finden sie die Verbindung zwischen den beiden Fällen heraus, die ihre Aufmerksamkeit nach Treuburg in Ostpreußen richtet. Gereon Rath, der sich kurzzeitig über die Eingliederung von Charly in sein Team bei der Berliner Polizei freuen durfte, wird zur weiteren Aufklärung nach Ostpreußen abkommandiert, das zur damaligen Zeit geographisch vom Reichsgebiet durch Danzig und den Polnischen Korridor abgetrennt war.
Kutschers Berlin-Romane sind nicht nur hervorragend konzipierte Kriminalfälle aus einer vergangenen Zeit, sondern auch sehr sorgfältig recherchierter Geschichtsunterricht. Im vorliegenden Fall widmet er sich der angespannten Situation in Ostpreußen zur Zeit der Weimarer Republik. Aufgrund der geographischen Lage - Ostpreußen ist zur damaligen Zeit vollständig von polnischem Gebiet umgeben - herrscht in Treuburg seit Beginn der Zwanziger Jahre eine extreme und allenthalben zu spürende Stimmung der Polenfeindlichkeit vor. Kutscher gelingt es auch im vorliegenden Fall meisterlich, die zeitgeschichtlichen Umstände in die Handlung einzuarbeiten.
Das vorliegende Hörbuch enthält eine autorisierte Lesefassung auf sechs CDs, die knapp siebeneinhalb Stunden umfassen - eine Zeit, die dank David Nathans eindringlicher Stimme und der konsequent fortschreitenden Handlung wie im Fluge vergeht. Nathan findet in seiner Lesung stets das richtige Tempo, so dass selbst Neueinsteiger in die Serie um Gereon Rath handelnde und referenzierte Personen angemessen einordnen können und das Berlin der Dreißiger Jahre zum Leben erweckt wird.
Volker Kutscher hat seine Serie auf insgesamt acht Folgen angelegt, die in konsequenter Fortführung der Jahressprünge bis ins Jahr 1936 andauern wird. Nachdem bereits im vorliegenden Fall die jüdischen Kollegen Raths aus dem Berliner Polizeiapparat abgesetzt worden waren, ist für kommende Fälle diesbezüglich noch deutlich mehr Unheil zu erwarten. Der anstehende fünfte Band wird demnach im Jahre 1933 spielen, dem Jahr von Hitlers Machtergreifung und dem Ende der Weimarer Republik. Trotz des zu erwartenden Ungemachs und der immer schwieriger werdenden Umstände für Gereon Rath sind dessen Fans schon in freudiger Erwartung der zweiten Hälfte von Volker Kutschers Erfolgsserie.
Christoph Mahnel
10.09.2012







