Hörbücher
Von der Fan-Fiction zum Weltbestseller
Erika Leonard, Ehefrau und Mutter zweier Kinder, ist derzeit unter ihrem Pseudonym E.L. James in aller Munde. Die Britin ist die Autorin der "Shades of Grey"-Trilogie, die sich anschickt, den Titel der sich am schnellsten verkaufenden Bücher zu erobern. Nur "Harry Potter" verkaufte sich noch schneller und besser. Das war allerdings auch ein Kinderbuch, während "Shades of Grey" alles andere als jugendfrei ist. James´ Erfolg mit ihrer Bondage-Trilogie ist ein Paradebeispiel für Viralmarketing. Angefangen hat alles als eine Fan-Fiction in Anlehnung an die "Twilight"-Serie von Stephenie Meyer. Die erste gedruckte Ausgabe erschien im Mai 2011 in einem kleinen australischen Verlag. Mundpropaganda führte dazu, dass mittlerweile die Übersetzungsrechte für "Shades of Grey" in unzählige Länder verkauft wurden und mit Hochdruck an einer Verfilmung gearbeitet wird.
Die Literaturstudentin Anastasia "Ana" Steele trifft bei einem Interview für ihre Unizeitung auf den millionenschweren und äußerst gut aussehenden jungen Unternehmer Christian Grey. Ana fühlt sich sofort zu ihm hingezogen, und auch ihn lässt ihre Gegenwart nicht völlig kalt. Ana merkt jedoch schon bald, dass nicht unbedingt seine Millionen und sein unverschämt attraktives Äußeres das Besondere an Christian Grey sind, sondern vielmehr seine sexuellen Vorlieben.
Grey entführt die unerfahrene Ana in eine Welt von Fesselspielen, Unterwerfung und unendlicher Lust. Während Ana sich jedoch eine gleichberechtigte Beziehung wünscht, die sowohl aus emotionaler Bindung als auch aus sexueller Anziehungskraft besteht, ist Christian nur an einer Art von Beziehung interessiert: die der sexuellen Unterwerfung. Zu diesem Zweck hat er sogar einen Vertrag ausarbeiten lassen, der Anas und seine Zusammenkünfte und ihren Umgang miteinander genau regeln soll.
Ana sieht sich plötzlich konfrontiert mit der Frage, wie viel körperlichen und vielleicht auch seelischen Schmerz sie ertragen kann, um mit ihrem Traummann Christian Grey zusammen sein zu können - soweit dies überhaupt möglich ist mit einem Mann, der nie etwas anderes als SM-Beziehungen kennen gelernt hat und es liebt, über alles und jeden die Kontrolle zu haben.
Über mehr als 1000 Minuten hinweg lauscht man einerseits der jugendlichen Stimme von Merete Brettschneider, die die etwas unsichere Ana Steele perfekt darstellt, andererseits lauscht man auch dem permanenten inneren Monolog der Ich-Erzählerin, deren "Unterbewusstsein" und "innere Göttin" sich in ständigem Aufruhr befinden; schließlich ist Ana hin- und hergerissen zwischen ihrer Lust und der Unfähigkeit, so devot zu sein, wie Christian es von ihr verlangt. Wer sich nicht an monotonen Wiederholungen ("Heilige Scheiße, ich kann gar nicht glauben, wie heiß er ist") und nervigen Ticks - Ana kaut zu jeder Gelegenheit auf ihrer Unterlippe und wird dafür immer wieder von Christian gescholten - stört, wird belohnt mit expliziten Schilderungen dessen, was die beiden im "red room of pain" erleben.
Doch wäre es nur die sexuelle Lust gewesen, die Ana und Christian zueinander geführt hätte, wäre die Geschichte schon kurz nach Anas erster Bondage-Erfahrung zu Ende gewesen. Was viele Leserinnen und Hörerinnen bei der Stange hält und was den eigentlichen Kern von Anas und Christians Beziehung bildet, ist die Tatsache, dass unter der kalten und harten Oberfläche etwas Beständigeres und Tieferes ist als die schnelle und kurzweilige Befriedigung der sexuellen Lust.
Sabine Mahnel
03.09.2012







