Hrbcher

Purer Zufall

Herzlichen Gl?ckwunsch, Wolfgang Herrndorf! Brandaktuell ist zu vermelden, dass der krebskranke Berliner Schriftsteller f?r seinen neuen Roman "Sand" mit dem diesj?hrigen Buchpreis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie "Belletristik" ausgezeichnet wurde. Aufgrund seiner schweren Krebserkrankung - vor anderthalb Jahren wurde bei Herrndorf ein Hirntumor diagnostiziert - konnte er jedoch den Preis nicht pers?nlich entgegennehmen. Lange Zeit war sogar fraglich, ob er "Sand" ?berhaupt fertigstellen k?nne.

Die Protagonisten der im Jahre 1972 in Nordafrika angesiedelten Geschichte werden von Herrndorf peu ? peu und zun?chst v?llig unabh?ngig voneinander entwickelt und vorgestellt: Da w?ren zuvorderst die beiden Polizisten, die ihren Job in einer Oase der Sahara aus?ben, dazu st??t eine hellblonde Amerikanerin namens Helen Gliese sowie der Wissenschaftler Lundgren, der in eine Spionaget?tigkeit verwickelt zu sein scheint. Herrndorf schildert n?chtern deren Leben und ihren Alltag durch Beschreibungen von Momentaufnahmen. Dies wird von Herrndorf so gekonnt transportiert, dass man f?rmlich die herrschende Verwirrung bei den Beteiligten ob der gro?en Hitze sp?rt.

In einer nahegelegenen Kommune von Alt-Hippies geschieht ein Amoklauf mit einem Vierfachmord. Die Polizisten nehmen mit Amadou Amadou umgehend einen Verd?chtigen fest, auf den alle Verdachtsmomente hinzuweisen scheinen. Doch bei fortschreitender Handlung wird es stets verworrener, so dass derjenige, der sein Urteilsverm?gen auf einer klaren Indizienlage aufbaut, kapitulieren muss.

Die Verwirrung wird komplettiert, als ein Mann mit Ged?chtnisverlust ins Spiel kommt. Dieser Namenlose ist auf der Suche nach seiner Identit?t, trifft Helen und wird verfolgt und gejagt. Allerdings kennt er nicht nur seinen eigenen Namen nicht, sondern wei? auch nicht, weshalb er gesucht wird und was seine Verfolger bei ihm zu finden hoffen. Sein einziger Anhaltspunkt sind Fetzen einer Unterhaltung, die er bei der Erlangung seines Bewusstseins auf einem Dachboden aufgeschnappt hat. Schlie?lich findet er heraus, weshalb er verfolgt wird. Der betreffende Gegenstand f?llt kurzzeitig in seine H?nde, jedoch verliert er ihn sogleich wieder.

Wolfgang Herrndorf hat nach seinem ?berraschungsbestseller "Tschick" aus dem Jahre 2010 mit "Sand" ein sehr beachtenswertes Werk nachgelegt. "Sand" l?sst sich als h?chst interessantes Literaturexperiment bezeichnen, dessen Lesespa? von der Ungewissheit des Lesers lebt. Herrndorf komponiert verschiedene Handlungsstr?nge, die nichts miteinander zu tun haben und abgehackt ineinander ?berwechseln. Partielle ?berschneidungen ergeben sich erst im Laufe der Geschichte, allerdings nicht dergestalt, dass sich bis zum Ende hin alles in Wohlgefallen aufl?sen und aufkl?ren w?rde. "Sand" verlangt eine gro?e Portion Offenheit. Denn wer versucht, konventionelle Strukturen oder einen logischen Aufbau zu entdecken, wird garantiert entt?uscht werden und sich maximal von der Spannung treiben lassen, ob der Namenlose seine Identiti?t wiederfindet.

Das vorliegende H?rbuch kommt in seiner ungek?rzten Fassung sehr detailliert r?ber, verliert aber dennoch nichts von der Verworrenheit der Geschichte. Stefan Kaminski als Sprecher macht einen richtig guten Job w?hrend der mehr als dreizehn Stunden Spielzeit. Als H?rer kann man sich sehr gut mit seiner Stimme anfreunden, weil sie hervorragend zur vorherrschenden Situation in der Geschichte passt. Hinsichtlich der Gr?nde, warum der Argon Verlag sich f?r eine ungek?rzte Lesung entschieden hat, mag man mutma?en, dass sich bei der Komplexit?t von "Sand" niemand an die Aufgabe herangetraut hat, die schon bei gew?hnlichen Buchvorlagen wahrlich nicht immer einfachen K?rzungen vorzunehmen.

Wolfgang Herrndorf spielt in "Sand" vorrangig mit den Lesern und H?rern, die ihre konventionellen Denkweisen anwenden m?chten und hier orientierungslos durch die Geschichte navigieren m?ssen. Das eigene Gehirn scheint unter der in der Handlung vorherrschenden nordafrikanischen Sonne und Hitze der Sahara zu leiden und f?rmlich auszud?rren. Die Grundbotschaft Herrndorfs in "Sand" ist, dass alle Menschen v?llig verschieden sind, man von einem anderen Menschen niemals das erwarten sollte, was man selbst f?r normal, logisch, richtig oder angemessen h?lt. Herrndorf distanziert sich von Schubladen, in die man menschliches Verhalten einordnet, vielmehr ist jegliches Handeln vom Zufall getrieben. Dass Herrndorf dies in "Sand" in Bezug auf die gro?e H?ufung von Zuf?llen ein wenig ?berspitzt und ?berzieht, mag man ihm als k?nstlerische Freiheit eingestehen.

Dennoch ist n?chtern reflektiert "Sand" n?her am wirklichen Leben dran sein als jene B?cher, in denen es rationale und logische Erkl?rungen gibt und wo eine Siutation konsequent die n?chste bedingt. Stattdessen spielen hier Zuf?lle und Fehlentscheidungen eine gro?e Rolle und ziehen sich wie ein roter Faden durch die gesamte Geschichte. Herrndorf bettet dar?ber hinaus in "Sand" philosophische und politische Grundhaltungen in die Gedankeng?nge der Protagonisten ein, so dass man als H?rer zur?ckgelehnt die Reise durch die Gedankenwelt anderer hervorragend genie?en kann.

Man mag sich f?r "Sand" bei der Einordnung in ein bestimmtes Genre trefflich streiten, da auch hier kein konventionelles Vorgehen m?glich ist. Wahrscheinlich wird es in Buchhandlungen irgendwo zwischen Spionagethriller und Gesellschaftsroman eingeordnet werden, da die Kategorie "Literaturexperiment" so noch nicht geschaffen ist. Leider l?sst sich aufgrund seines Gesundheitszustands zum jetzigen Zeitpunkt keine Prognose abgeben, ob von diesem besonderen Schriftsteller in der Zukunft noch mehr kommen wird, das f?r ein deratiges Aufsehen wie das vorliegende Werk sorgen wird.

Christoph Mahnel
19.03.2012

 
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Das Buch:

Wolfgang Herrndorf: Sand

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Sprecher: Stefan Kaminski
Berlin: Argon Verlag 2012
Spielzeit: 807 Min., 29,95
ISBN: 978-3-8398-1153-5

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