Hrbcher

Ost und West im Hier und Jetzt

Man schreibt das Jahr 2011 und stelle sich folgenden Wahnsinn vor: Die Deutsche Demokratische Republik existiert immer noch, die Wiedervereinigung anno 1990 hat nicht stattgefunden, da die DDR aufgrund einer Wiederbelebung weiterhin Bestand haben konnte. Der Bundeskanzler im Westen hei?t Oskar Lafontaine, und im Osten Deutschlands ist immer noch Egon Krenz an der Macht. V?llig verr?ckt? Nein, Simon Urban hat genau diese Hintergrundkulisse f?r den Plot seines Deb?tromans "Plan D" ersonnen. 

Ein Mord erregt in Ost-Berlin die Gem?ter, ein ehemaliger Berater von Egon Krenz wurde erh?ngt aufgefunden. Die Art und Weise, wie der Mord vollzogen wurde, weist offensichtlich auf althergebrachte Stasi-Methoden hin. Die Volkspolizei in Person von Hauptmann Martin Wegener ?bernimmt die Ermittlungen in diesem Fall. Brisant sind diese insbesondere vor dem Hintergrund der aktuellen und h?chst brenzligen wirtschaftlichen Situation der DDR: Die DDR fungiert als Transitland f?r russisches Erdgas, das f?r die BRD von hohem Interesse ist, und verdankt dieser Tatsache ihre wichtigste Einnahmequelle. F?r die bevorstehenden bilateralen Verhandlungen zwischen den deutschen Staaten sind somit beide Seiten an einem guten Ausgang interessiert. 

Aufgrund des delikaten Umstands, dass der Ermordete just vor diesen Verhandlungen an einer Gaspipeline erh?ngt aufgefunden wird, soll der Fall an eine h?here Instanz gegeben worden. Doch nach einer SPIEGEL-Ver?ffentlichung interveniert die BRD und schickt selbst zwei Kommissare in die DDR, die auf Wegeners Zugeh?rigkeit im Fall bestehen und mit ihm die Ermittlungen aufnehmen. Wohl und Wehe der DDR h?ngen vom Ausgang dieses Falles und den Erdgas-Konsultationen ab, da ein Scheitern der Verhandlungen unweigerlich den wirtschaftlichen Bankrott der DDR nach sich ziehen w?rde. 

Es ?berrascht, dass mit Simon Urban ein ?Wessi?, Jahrgang 1975, diesen Roman geschrieben hat. ?Plan D? besticht durch die Vielzahl an skurrilen Szenen und ist einfach wunderbar humorvoll geschrieben, obgleich ein gewisser ?M?nnerhumor? nicht zu leugnen ist. Urban schafft mit seinen vielen liebevollen Details eine richtiggehend realistische DDR im Jahre 2011. Als Fleischbr?tchen gibt es den "Wartburger", dazu getrunken wird die "Bionier-Brause". ?berhaupt liefert Urban so viele Ausschm?ckungen, dass man sich fast vorstellen kann, wie die DDR gerochen hat. 

Urban hat mit seinem Deb?troman einen h?chst eindrucksvollen ersten Auftritt auf dem deutschen Buchmarkt hingelegt. Eine Verfilmung der Story scheint alles andere als ausgeschlossen zu sein. Urban selbst wird f?r einen zweiten Roman sicherlich viel gr?beln m?ssen, da seine erste Geschichte so speziell war und es sich geradezu verbietet, Elemente daraus wiederzuverwenden. Trotz aller (N)ostalgie-Anf?lle schildert der Autor auch deutlich und gezielt die Negativseiten des DDR-Regimes hinsichtlich der permanenten Bedrohungen durch den ?berwachungsstaat, der Pr?senz von Gef?ngnissen oder spurlos von der Bildfl?che verschwundener Freunde und Bekannter. Das Einflie?enlassen historischer Personen wie Margot Honecker, Oskar Lafontaine oder Andrea Ypsilanti mag zwar nicht jedermanns Geschmack sein, doch w?rzt es die Story ungemein. 

"Plan D" erinnert von seiner Konstruktion her stark an Robert Harris? ersten Roman "Vaterland", der in den 60er Jahren in Nazideutschland unter der Annahme spielt, dass Deutschland den Krieg nicht verloren und die Nazi-Herrschaft weiterhin Bestand habe. Beide Romane liefern eine verst?rende Vorstellung, so dass man trotz der guten Unterhaltung das Buch letztlich mit der ruhigen Gewissheit schlie?t, dass es gut ist, wie die Geschichte verlaufen ist - ?hnlich dem guten Gef?hl, einem schlechten Traum durch Aufwachen entkommen zu sein. 

Die H?rbuchlesung durch G?tz Schubert stellt eine hervorragende Alternative zur Buchausgabe dar, da die Stimme des Sprechers sehr gut zu der Figur und dem Charakter des Protagonisten passt, so dass Wegener und Schubert geradezu ineinander ?berflie?en. Zwar mag die L?sung manchen H?rer ?berfordern, da sie um mehrere Ecken konstruiert wurde, doch bleibt unter dem Strich ein sehr vergn?gliches H?rerlebnis. Insbesondere anno 2011 liefert "Plan D" den passenden Roman zum 50. Jahrestag des Mauerbaus. 

Christoph Mahnel 
12.09.2011

 
Diese Rezension bookmarken:

Das Buch:

Simon Urban: Plan D

CMS_IMGTITLE[1]

Sprecher: Gtz Schubert
Mnchen: Random House Audio 2011
Spielzeit: 422 Min., 19,99
ISBN: 978-3-83710-945-0

Diesen Titel

Logo von Amazon.de: Diesen Titel können Sie über diesen Link bei Amazon bestellen.