Hrbcher

Grusel-Hrspiel oder Literatur-Inszenierung?

Erstmals 1887 erschienen z?hlt die Erz?hlung "Das Gespenst von Canterville" zum Fr?hwerk des irischen Schriftstellers und Poeten Oscar Wilde. Mit einem Titel, der schon das Wort "Gespenst" beinhaltet, scheint es sich zun?chst perfekt in die Reihe der "Gruselkabinett"-Vertonung der Titania-Medien einzureihen. Ob sich dies mit Wildes Ideen deckt, die er mit seiner bisweilen auch als M?rchen bezeichneten Erz?hlung ?ber die US-amerikanische Familie Otis, die in den englischen Landsitz der Cantervilles einzieht, vermitteln wollte, steht zur Diskussion. 

Als Mr. Hiram B. Otis mit seiner Frau Lucretia (gesprochen von Gudrun Landgrebe) und den vier Kindern Washington, Virginia und den Zwillingen Timmy und Jimmy in Canterville Chase einzieht, machen sie Bekanntschaft mit Sir Simon de Canterville, dem Gespenst des Anwesens. Die Rollenverteilung ist jedoch von Anfang an umgekehrt: Nicht Sir Simon terrorisiert die Bewohner und versetzt sie ihn Angst und Schrecken, sondern die Bewohner terrorisieren ihn. Die US-amerikanische Familie ist schlichtweg begeistert von dem englischen Landgut, den Sitten und Gebr?uchen des Landes und bleibt g?nzlich unber?hrt vom unheimlichen Gebaren des Hausgeistes. 

Oscar Wilde hat mit dem amoralischen und immer auf ?sthetik erpichten Gespenst Sir Simon wichtige gattungstypische Merkmale des Gruselgenres parodiert und mit der Darstellung der Familie Otis Eigenschaften, wie Materialismus, oberfl?chliches Denken oder fehlendes Gesp?r f?r Kultur und ?sthetik, die Wilde allesamt als typisch amerikanisch einstuft, kritisiert. Am Ende des H?rspiels steht au?erdem die Erkenntnis, dass die Liebe alles besiegt und dass auch dem gequ?lten Gespenst Reue und Vergebung die letzte Ruhe bringen k?nnen. 

Auch wenn es Wilde mit diesem Fr?hwerk weniger um den Aspekt des Gruselns im eigentlichen Sinne des Genres ging, ist die H?rspiel-Umsetzung im Rahmen des "Gruselkabinetts" der Titania-Medien eine ?u?erst gelungene Produktion. Die Sprecher - allesamt bekannte Schauspieler oder Synchronstimmen gro?er Hollywood-Stars - liefern eine hervorragende Leistung ab, die das H?rspiel zusammen mit der atmosph?rischen Musik und den perfekten Hintergrundger?uschen zu einem 73-min?tigen Ohrenschmaus machen. 

Eine besonders gruselige Vorstellung darf man jedoch nicht erwarten, daf?r aber eine herausragende Vertonung einer literarischen Vorlage, die ohnehin von ihrem Erschaffer nicht als "ghost story" gedacht war. Mit der 50. Folge des "Gruselkabinetts" hat das Grusel-Label, das auch schon Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray", Austens "Northanger Abbey" oder E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann" in H?rspiele umgesetzt hat, im neunten Jahr seines Bestehens einen weiteren Klassiker der Literatur als beeindruckendes H?rspiel aufbereitet und produziert. 

Sabine Mahnel 
28.03.2011

 
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Das Buch:

Oscar Wilde: Das Gespenst von Canterville. Gruselkabinett Folge 50

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Sprecher: Gudrun Landgrebe, Friedrich Georg Beckhaus, Hasso Zorn, Eckart Dux u. a.
Leverkusen: Titania Medien 2011
Spielzeit: 73 Min. , 8,99
ab 14 Jahren
ISBN: 978-3-7857-4470-3

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