Hrbcher

Die Knigin des Verbrechens lsst wieder morden

Olivia Morrow ist eine sehr betagte Dame, die unheilbar krank ist und sich in den allerletzten Zügen ihres langen Lebens befindet. Noch immer trägt sie ein Geheimnis mit sich herum, das eine schwerwiegende Entscheidung von ihr verlangt: Ihre Cousine Catherine, die als Nonne in ihrem Leben viel Gutes bewirkt hatte und für die gerade ein Seligsprechungsverfahren läuft, war in jungen Jahren von einem sehr bedeutenden Unternehmer schwanger geworden und hatte ein Kind geboren, das sofort nach der Geburt zur Adoption freigegeben worden war. Olivia steht daher vor der Frage, ob sie dieses Geheimnis mit ins Grab nehmen soll oder ob Dr. Monica Farrell, die Enkelin Catherines, davon erfahren soll und insbesondere von der Tatsache, dass sie auf einen Schlag ein millionenschweres Erbe antreten würde.

Naturgemäß gibt es in einer derartigen Konstellation stets Menschen, die das Lüften eines solchen Geheimnisses verhindern möchten. In diesem Fall sind es die Nachfahren von Alexander Gannon, dem Begründer der Gannon-Dynastie. Er war in den Dreißiger Jahren die große Liebe Catherines und Erzeuger von Monicas Vater. Geerbt und profitiert haben jedoch andere: Die Gannon-Brüder und einige zwielichtige Gestalten in den Aufsichtsräten führen das Erbe Alexanders mehr schlecht als recht und verstehen sich insbesondere auf das Veruntreuen und Verprassen der Gelder aus der eigentlich als wohltätig deklarierten Gannon-Stiftung.

Ein klassischer Plot Mary Higgins Clarks ist damit bereitet: Eine alte Frau im Mittelpunkt der Geschichte und eine strikte Trennung von Gutmenschen und bösartigen Charakteren. Wer geneigt ist, Mary Higgins Clark als die amerikanische Ingrid Noll zu bezeichnen, sei jedoch daran erinnert, dass die deutsche Erfolgsautorin zwar auch bevorzugt ältere Damen als Protagonistinnen zeichnet, diesen jedoch stets eine gewisse Portion Arglistigkeit bei der Durchsetzung ihrer Interessen innewohnt. Bei Mary Higgins Clark gibt es dagegen keine Schattierungen: Die guten Menschen sind stets gut und vorbildlich, diejenigen auf der anderen Seite durchweg mit negativen Charakterzügen versehen. Darüber hinaus platziert sie gerne noch einige wenige Personen, die zwar grundsätzlich gut sind, sich jedoch aufgrund verzeihlicher Verfehlungen zunächst auf die andere Seite manövriert haben. Erfahrene Leser wissen allerdings sofort, dass diese Charaktere im Verlauf der Geschichte die Kurve noch kriegen und bis auf einige Schrammen unbeschadet davonkommen.

Clarks neuestes Werk "Flieh in die dunkle Nacht" verlangt von Lesern und Hörern zu Beginn einiges an Aufmerksamkeit ab. Es werden sehr viele Charaktere eingeführt, so dass man höchst konzentriert zu Werke gehen muss, um die Personen in den einzelnen Handlungssträngen auseinander halten zu können. Insbesondere hat man als Hörer bei der vorliegenden Hörbuchfassung jegliche Ablenkung zu vermeiden, um zwecks optimalen Hörgenusses in die Lesung hineinzufinden. Erleichtert wird einem dies durch die angenehme Lesung Michou Friesz´. Ihr "entschleunigter" Vortrag gibt dem Hörer die entscheidenden Sekunden, um sich bei den vielen Wechseln in den Handlungssträngen und der agierenden Personen zurechtzufinden.

"Flieh in die dunkle Nacht" gehört zu derjenigen Sorte Krimis, bei denen man zwar nicht explizit vom Autor die Taten geschildert bekommt, jedoch sofort klar ist, wer aus welcher Motivation gehandelt hat. Somit ergibt sich die Spannung weniger aus der Suche nach dem oder den Mördern, sondern vielmehr aus der bangen Hoffnung des Hörers, dass die guten Menschen die einzelnen Puzzleteile doch richtig zusammensetzen mögen. Die Spannungskurve des vorliegenden Hörbuchs hält sich daher auf einem gemäßigten Niveau, wobei allerdings keinerlei Längen vorhanden sind. Dies liegt vorrangig in der Vielzahl der handelnden Personen, so dass die sechseinhalb Stunden sehr kurzweilig sind, insofern man einmal in die Lesung hineingefunden und die einzelnen Charaktere vor dem geistigen Auge eingeordnet hat.

Seit nunmehr mehreren Jahrzehnten produziert Mary Higgins Clark äußert erfolgreich einen Roman nach dem anderen und scheint bei weitem noch nicht am Ende ihrer Schaffenskraft angelangt zu sein. Mit dreiundachtzig Jahren - übrigens im selben Alter wie Olivia Morrow - beherrscht sie einen temporeichen Schreibstil, der manch jüngerem Autor zu Ehre reichen würde. Clarks Bücher lesen sich in einer Nacht, ihre Fangemeinde auf der ganzen Welt ist riesig, so dass noch lange nicht Schluss sein darf: "Flieh in die dunkle Nacht" wird garantiert nicht das letzte Werk der "Königin des Verbrechens" gewesen sein.

Christoph Mahnel 
11.10.2010

 
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Das Buch:

Mary Higgins Clark: Flieh in die dunkle Nacht. Aus dem Amerikanischen von Karl-Heinz Ebnet

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Sprecher: Michou Friesz
Mnchen: Random House Audio 2010
Spielzeit: 394 Min., 19,99
ISBN: 978-3-8371-0393-9

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