Hörbücher
Debütantinnensaison im Südstaatenflair
Die 18-jährige Sawyer ist bisher bei ihrer Mutter fernab der restlichen Familie und vor allem ohne ihren Vater aufgewachsen. Auch wenn das Mutter-Tochter-Verhältnis stets ein gutes war, ist es doch von Problemen geprägt. Sawyer lebt mit ihrer Mutter über der Bar, in der diese arbeitet, außerdem ist das Geld immer knapp. Kein Wunder, dass Sawyer das Angebot ihrer Großmutter annimmt, die ihr eine halbe Million Dollar bietet, wenn sie für die Debütantinnensaison zu ihr zieht und dort zusammen mit ihrer Cousine Lily dieses gesellschaftliche Großereignis für junge Damen feiert.
Sawyer lässt sich auf dieses Abenteuer aus zwei Gründen ein: Erstens kann sie das Geld fürs College gebrauchen, zweitens lernt sie auf diese Weise die ihr bisher unbekannte Familie kennen. Da wären: ihre Großmutter, ihre Tante, ihr Onkel und ihre Cousine Lily - allesamt fest verankert in der High Society der Südstaaten. Außerdem kann Sawyer sich auf diese Weise auf die Suche nach ihrem Vater begeben, dessen Identität ihre Mutter nicht preisgeben möchte. Sawyers Mutter wurde von ihrer Familie verstoßen, als sie mit 17 Jahren schwanger wurde.
Das Einleben in die Welt von Country Clubs, Perlenschmuck und gespielter Freundlichkeit fällt der toughen Sawyer, die nichts von Schminke und falschem Spiel hält, nicht gerade leicht. Lily, dessen Freundin Sadie-Grace sowie Lilys Ex-Freund Walker und dessen Schwester Campbell gehören jedoch gezwungenermaßen bald zu ihrem Freundeskreis. Es dauert nicht lange und Sawyer stößt auf die ersten Geheimnisse und Intrigen, deren Enthüllung Ziel ihres Aufenthaltes wird.
Jennifer Lynn Barnes erzählt die Geschichte der Südstaaten-Debütantinnen auf zwei Zeitebenen, die sich erst am Ende treffen: einerseits der Part, der erzählt, wie Sawyer die Monate bis zum großen Ball verlebt, andererseits immer wieder Einschübe, in denen vier Mädchen in Ballkleidern in einer Gefängniszelle eingesperrt sind und der ahnungslose Polizist Mackie - zusammen mit den Lesern und Hörern der Buchs - versucht herauszufinden, warum die Mädchen in seiner Zelle gelandet sind.
Jennifer Lynn Barnes ist kein unbeschriebenes Blatt, wenn es um Jugendliteratur geht. Die studierte Psychologin und ehemalige Professorin für Kreatives Schreiben hat bereits mehrere Jugend-Thriller ("The Inheritance Games", "Cold Case Academy") veröffentlicht und große Erfolge gefeiert. "Little White Lies" ist der Auftakt zu einer neuen Thriller-Dilogie, die im kommenden Herbst mit "Deadly Little Scandals" fortgesetzt und beendet wird.
Barnes lässt ihre Protagonistin Sawyer schlagfertige Dialoge mit den hochnäsigen und stets auf eine makellose Fassade achtenden Südstaaten-"Rich Kids" führen, wobei sie nicht darauf aus ist, die Charaktere nur schwarz und weiß zu zeichnen. Durch Sawyers Brille gelingt es einem auch, andere Facetten dieser Menschen zu entdecken. Aber am meisten Spaß macht beim Hören des Hörbuchs sicherlich das stückweise Aufdecken diverser Geheimnisse und die Reise zur Enthüllung der Identität von Sawyers Vater. Die Kandidaten, die Sawyer zur Auswahl stehen, sind zahlreich.
"Little White Lies" ist sehr kurzweilig und macht Lust auf den kommenden zweiten Teil. Die Sprecherin Lea Roser verleiht mit ihrer jungen Stimme sowohl der oft wortkargen, aber auch schlagfertigen Sawyer als auch den süßlich-säuselnden Mitgliedern der High Society ihren ganz eigenen stimmlichen Charakter.
Sabine Mahnel
10.06.2025
