Hrbcher

Nicht allzu ferne Dystopie

Der zwölfjährige Noah, genannt Bird, lebt mit seinem Vater, einem Linguisten, der als einfacher Bibliotheksmitarbeiter angestellt ist, in einem Studentenwohnheim auf dem Campus der Cambridge University, Massachusetts. Ihr Haus haben sie aufgegeben, als Birds Mutter vor drei Jahren die Familie verlassen hat. Als PAO, Person of Asian Origin, ist Birds Mutter Margaret im herrschenden Regime ständiger Diskriminierung ausgesetzt. Um ihre Familie zu schützen und vor allem ihren Sohn davor zu bewahren, dass er seiner Familie entrissen und zu Pflegeeltern, die das geltende PACT-Gesetz (Preserving American Culture and Tradition) leben und umsetzen, verschleppt wird, hat sie sich für ein Leben im Untergrund entschieden.

Weder Bird noch sein Vater wissen, wo Margaret sich aufhält. Die beiden versuchen, so wenig wie möglich aufzufallen und möglichst nicht ins Visier des autoritären Regimes zu geraten. Eines Tages erhält Bird Post von seiner Mutter, doch die verschlüsselte Botschaft gibt ihm zunächst Rätsel auf. Mithilfe einer Bibliotheksmitarbeiterin, die zu den vielen mutigen Systemgegnern gehört, die innerhalb des Bibliothekennetzwerks landesweit daran arbeitet, verschleppte Kinder zu finden, kommt Bird seiner Mutter auf die Spur und begibt sich nach New York City. Dort angekommen verbringt er einige Tage mit seiner Mutter in einem verlassenen Haus, in dem sie sich versteckt, um eine große Aktion gegen die Unmenschlichkeit des rassistischen Regimes vorzubereiten.

Die US-Amerikanerin Celeste Ng, die selbst Tochter chinesischer Einwanderer ist, schafft mit "Unsere verschwundenen Herzen", womit die verschleppten Kinder chinesischer Familien in den USA gemeint sind, einen dystopischen Roman, der in einer nicht allzu fernen Zukunft Amerikas spielt. Wenn im Roman die Rede von "der Krise" ist, die zeitlich gesehen vor Birds Geburt stattfand, sind Anklänge an die Corona-Pandemie und die Amtszeit Donald Trumps nicht von der Hand zu weisen. Eine Politik, die nur an dem Wohl der Amerikaner ausgerichtet und extrem fremdenfeindlich ist, wird hier als Konsequenz der "Krise" dargestellt.

Celeste Ng, die bereits für ihre beiden ersten Romane "Was ich euch nicht erzählte" und "Kleine Feuer überall" gefeiert wurde - und das zu Recht - schafft es in ihrem neuen Roman nicht, an die bisherigen Erfolge anzuknüpfen. Die Idee einer Dystopie, die eine starke Verbindung zur bereits herrschenden Gegenwart hat, und die Kraft der Worte und Literatur, die einzelne ihr entgegensetzen, ist zwar gut, aber als Gesamtwerk weit entfernt von einem Roman, der einem lange im Gedächtnis bleibt, wie etwa "Kleine Feuer überall" dies tat. Es gelingt Ng zwar, eine bedrückende Atmosphäre mit der Schilderung des angsterfüllten Alltags, der von Entbehrungen, Diskriminierung und Tristheit geprägt ist, zu kreieren, aber das ist auch das Eindrucksvollste, was beim Hörer hängenbleibt.

Dass "Unsere verschwundenen Herzen" nicht so tief geht, hängt aber keinesfalls an dem Vortrag von Britta Steffenhagen, die die ungekürzte Hörbuchausgabe eindrücklich und kurzweilig vertont. Bleibt den Fans von Celeste Ng und ihren psychologisch tiefgehenden Romanen die Hoffnung auf ihren nächsten Roman.

Sabine Mahnel 
05.12.2022

 
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Das Buch:

Celeste Ng: Unsere verschwundenen Herzen. Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit

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Sprecherin: Britta Steffenhagen Berlin: Der Audio Verlag 2022 Spielzeit: 635 Min., 25,00 ISBN: 978-3-7424-2453-2

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