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100 Jahre Leben

Violeta del Valle wird 1920 geboren, als in Südamerika die Spanische Grippe wütet. 100 Jahre später stirbt sie während der Corona-Pandemie. Ein ganzes Jahrhundert hat sie erlebt mit all seinen Höhen und Tiefen - sowohl privat als auch politisch und gesellschaftlich. Kurz vor ihrem Tod schreibt die Greisin ihr Leben in einem Brief an ihren Enkel Camilo nieder, den sie selbst großgezogen hat, da ihre Tochter bei dessen Geburt gestorben ist.

Violeta ist die einzige Tochter neben vier Söhnen in der Familie del Valle, die sehr feudal in einem großen Haus in der Hauptstadt eines namenlosen südamerikanischen Landes lebt. Die Weltwirtschaftskrise setzt der Familie so sehr zu, dass der Vater sich umbringt und die Familie sich aufs Land in ärmliche Verhältnisse retten muss. Dort wächst Violeta, die von einem englischen Kindermädchen aufgezogen wird, in einfachen, aber glücklichen Verhältnissen auf. Den Hof auf dem Lande wird sie zeit ihres Lebens nicht mehr vergessen und immer wieder dahin zurückkehren, egal, wohin sie ihr Leben verschlagen hat.

Als junge Frau heiratet Violeta einen deutschstämmigen Tierarzt, der sie jedoch schnell langweilt. Die Ehe bleibt kinderlos und - von ihrer Seite aus - auch lieblos. Die damaligen Gesetze machten eine Scheidung für Violeta so gut wie unmöglich und selbst das Getrenntleben lässt sie gesellschaftlich und wirtschaftlich als Verlierer dastehen. Ihr ältester Bruder José Antonio, der ihr engster Vertrauter ist und ihr immer zur Seite steht, gründet mit ihr eine Firma für Fertighäuser und Violeta erarbeitet sich mühevoll eine eigene Existenz, die sie zeitlebens finanziell unabhängig von Männern macht.

Die finanzielle Unabhängigkeit geht jedoch nicht mit emotionaler Unabhängigkeit einher, wie die Beziehung zu dem Schwerenöter und Kriminellen Julián beweist, der Violeta in seinen Bann zieht und mit dem sie zwei Kinder bekommt. Lange kann sie sich aus dieser toxischen Beziehung nicht befreien, erträgt häusliche Gewalt und muss mit ansehen, wie das zerrüttete Elternhaus ihre Tochter in die Drogensucht und Prostitution treibt. Ihr Sohn entwickelt sich in den Jahren der Diktatur zu einem Aufständischen, der das Land verlassen muss, um nicht in die Fänge der Herrschenden zu geraten.

Violeta, die mit der Geburt ihres Enkels, als sie 50 Jahre alt war, eine zweite Chance bekommt, geht in der Rolle als Großmutter und Ersatzmutter voll und ganz auf. Ihrem geliebten Enkel Camilo, einem katholischen Priester, legt sie im hohen Alter mit ihrem Brief eine Art Lebensbeichte ab, die eigene Fehler nicht beschönigt und dem Priester sicher auch das eine oder andere Mal die Schamesröte ins Gesicht treiben wird.

Isabel Allende, die vor 40 Jahren mit ihrem Debütroman "Das Geisterhaus" berühmt wurde, legt seitdem regelmäßig Romane verschiedener Couleur vor. Ihre hundertjährige Protagonistin Violeta lässt sie im Plauderton von ihrem Leben berichten und Anekdoten erzählen, wobei die Gewichtung der Lebensphasen und Begebenheiten ganz dem Empfinden der Erzählerin überlassen sind. Inspiriert zu diesem Buch hat Allende ihre eigene Mutter, die 2018 in hohem Alter verstorben ist und mit der sie zeitlebens einen regen Briefverkehr gepflegt hat, wobei die Figur Violeta nicht ihre Mutter sei, wie Allende betont.

Die Schauspielerin Angela Winkler trägt die Lebensgeschichte von Violeta del Valle in einem so ruhigen und lebensklugen Ton vor, der perfekt zu einer Hundertjährigen passt, die so viel erlebt und erlitten hat. Dass Winklers Stimme wie die einer sehr betagten Dame klingt, ist in diesem Fall kein Manko, sondern als größtes Kompliment zu verstehen, da es eine Kunst ist, eine solche Frau zu verkörpern.

Ob Allende, die nun selbst das neunte Lebensjahrzehnt schon begonnen hat, mit "Violeta" einen ihrer letzten oder vielleicht ihren letzten großen Roman vorgelegt hat, wird die Zeit zeigen. Auch wenn "Violeta" einem Vergleich mit ihren größten Erfolgen nicht ganz standhalten kann, ist er jedoch ein Roman, der einem noch eine Weile im Kopf bleibt.

Sabine Mahnel 
24.10.2022

 
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Das Buch:

Isabel Allende: Violeta. Aus dem Spanischen von Svenja Becker

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Sprecherin: Angela Winkler München: Der Hörverlag 2022 Spielzeit: 859 Min., € 26,00 ISBN: 978-3-8445-4736-8

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