Hrbcher

Citius, altius, fortius

Im August 1936 blickt die ganze Welt auf Berlin, die deutsche Metropole und Hitlers Machtzentrum. Auf halber Strecke zwischen Machtergreifung und Kriegsbeginn missbraucht Adolf Hitler die Olympischen Spiele in Berlin für eine perfide Inszenierung der scheinbaren Weltoffenheit und Überlegenheit des Deutschen Reichs. Für die Zeit der Spiele werden menschenverachtende Maßnahmen, die seit geraumer Zeit großen Teilen der deutschen Bevölkerung das tägliche Leben erschweren, zurückgenommen, nur um kurz nach den Spielen wieder mit voller Macht zurückzuschlagen. Doch während der Spiele soll sich Hitler-Deutschland der Weltöffentlichkeit als Musterland präsentieren. Da passt es natürlich nicht ins Bild, dass im Olympischen Dorf ein US-amerikanischer Funktionär, zuhause in Chicago ein erfolgreicher Industrieller, beim Essen tot zusammenbricht.

Gereon Rath, mittlerweile seit sieben Jahren als Kommissar bei der Berliner Polizei tätig, wird zu den vertraulichen Ermittlungen rund um diesen Fall von seiner Dienststelle abgezogen und dem Sicherheitsdienst vor Ort unterstellt. Dabei gerät Rath in den Einflussbereich von Gräf und Tornow, zweier Männer, die ihre Karrieren im braunen Sog der letzten Jahre erfolgreich vorantreiben konnten und Rath gerne scheitern sehen möchten. Doch soll der tote Amerikaner nicht das letzte Opfer rund um die Spiele bleiben, einige Männer aus einer Eliteeinheit Hermann Görings lassen in kürzester Zeit ihr Leben. Die ungeklärten Umstände möchte man sich gerne mit kommunistischen Anschlägen erklären, die dazu notwendigen "Beweise" soll Rath liefern. Doch der hat sich gerade auch noch privaten Ärger eingehandelt. Die im Hause Rath einquartierten amerikanischen Touristen haben seine Frau Charly derart verstimmt, dass sie temporär bei ihrer Freundin Greta eingezogen ist. Doch je weiter sich die Situation um die Olympia-Morde zuspitzt, umso mehr gerät Raths Leben in allerhöchste Gefahr.

Volker Kutscher hat wieder einmal geliefert: "Olympia" lautet der Titel des achten Romans aus der Reihe um Gereon Rath. Begonnen hatte es einst im Jahre 1929 mit "Der nasse Fisch", anschließend folgte für jedes Jahr dieser Zeit ein weiterer Roman. Eingedenk der Entwicklungen im Deutschen Reich wurden die Wolken über Gereon Rath mit jedem Jahr düsterer. Im Olympia-Jahr 1936 scheint es sich aufzuklaren, doch ist dies nur einem für den Rest der Welt temporär aufgebauten Potemkin'schen Dorf geschuldet, bevor die Großwetterlage Anlauf nehmen wird, um im großen Weltenbrand zu explodieren. Geschickt hat der Autor in "Olympia", übrigens hier ob des Vornamens der Witwe besagten amerikanischen Funktionärs doppeldeutig verwendet, die Fakten rund um die Olympischen Spiele mit den fiktiven Charakteren aus der Reihe um Gereon Rath verwoben. So darf sich beispielsweise Fritze, der ehemalige Ziehsohn der Raths, mitten im Olympischen Dorf bewegen und dort Athleten betreuen. Dabei kommt er sogar mit Jesse Owens, dem Superstar der Spiele von Berlin, in Kontakt.

Das vorliegende Hörbuch erschien als leicht gekürzte Lesung über knapp 15 Stunden zeitgleich zur Buchausgabe. In altbewährter Manier hat Hörbuch Hamburg für die Produktion David Nathan ans Mikrofon gelassen, um die spannungsgeladene Geschichte einzulesen. Selten hat sich Gereon Rath so sehr in Todesgefahr begeben wie in "Olympia", so dass er sogar Charlys Verlockungen, mittels gefälschter Pässe nach Prag auszureisen, erliegt. Auch Fritze drohen seine Beobachtungen im Olympischen Dorf zum Verhängnis zu werden. Die Institutionen sind hochgradig interessiert daran, ihre Versionen der Morde glauben zu machen, so dass unliebsame Mitwisser mundtot gemacht werden müssen. Am Ende dieses Parforceritts durch das Jahr 1936 bleibt trotz des besorgniserregenden Epilogs die Gewissheit, dass "Olympia" noch zwei weitere Romane aus den Jahren 1937 und 1938 folgen werden. So zumindest lautet die Ankündigung Volker Kutschers, der sich jetzt schon mit seiner Reihe um Gereon Rath einen herausragenden Platz in der deutschen Gegenwartsbelletristik gesichert hat.

Mittlerweile wird der Erfolg von Kutschers Büchern und Hörbüchern nur noch übertroffen von der Verfilmung als Fernsehserie. Ohne Zweifel zählen die drei bisherigen Staffeln von "Babylon Berlin", die auf Kutschers ersten Büchern basieren, zu den erfolgreichsten deutschen Serien der letzten Jahre. Die aufwändig produzierten Folgen haben sicherlich noch einmal ein Vielfaches an Menschen erreicht, als es die gedruckten und gepressten Exemplare vermochten. Da "Babylon Berlin" jedoch sehr frei interpretiert wurde und die Charaktere oftmals bis in die Unkenntlichkeit verändert wurden, ist man beim Einstieg in "Olympia" erstmal ein wenig verwirrt, da sich beispielsweise Greta Overbeck noch des Lebens erfreut oder Gereon und Charly tatsächlich ein Paar sind. Um die abweichende Darstellung in der Fernsehserie aus dem Kopf zu bekommen, bedarf es einiger Zeit, doch nimmt einen das Feuerwerk, das Kutscher in "Olympia" zum wiederholten Male abfeuert, gefangen und lässt einen mit unerträglicher Spannung in der Hoffnung zurück, dass die offenen Ende anno 1937 im nächsten Buch der Reihe um Gereon Rath endlich wiederaufgenommen werden.

Christoph Mahnel 
04.01.2021

 
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Das Buch:

Volker Kutscher: Olympia

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Sprecher: David Nathan Hamburg: Hrbuch Hamburg 2020 Spielzeit: 876 Min., 24,00 ISBN: 978-3-86952-477-1

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