Hrbcher

Zwischen den Weltenbrnden

Im Frühjahr 1940 scheint der Krieg noch weit weg von Paris zu sein. Die junge Lehrerin Louise, die am Wochenende im Restaurant von Monsieur Jules arbeitet, bildet mit diesem ein perfekt eingespieltes Gespann, das die zahlreichen Stammgäste eine letzte gute Zeit erleben lässt. Einer davon, Doktor Thirion, erschießt sich eines Tages vor Louises Augen, was eine Kette von Ereignissen und ein Familiendrama sondergleichen lostritt. Zur gleichen Zeit befindet sich Louises Bruder Raoul an der Front, eingesetzt als Elektriker bei den Pionieren. Zusammen mit seinem Stubenkameraden Gabriel, einem Fernmelder, gelingt es den beiden dort, auch dank einträglicher Nebengeschäfte, ein gutes und relativ ungefährliches Leben zu bestreiten. Währenddessen riskieren zahlreiche französische Soldaten ihr Leben, um den Vormarsch der Deutschen zu stoppen. Doch dann fällt die Maginot-Linie, und das Unheil bricht über die französische Hauptstadt herein.

Pierre Lemaitre entführt seine Leser erneut nach Frankreich in die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Für "Wir sehen uns dort oben" hatte er 2013 den Prix Goncourt erhalten, den wichtigsten französischen Literaturpreis. Dieser Roman war der Auftakt einer Trilogie, die im Französischen den Namen "Les Enfants du désastre" trägt, übersetzt also in etwa "Die Kinder des Desasters". Nach dem starken Mittelteil "Die Farben des Feuers" vor zwei Jahren hat er nun mit "Spiegel unseres Schmerzes" einen gelungenen Schlusspunkt gesetzt. Hatte der erste Teil bereits in den letzten Tagen des Ersten Weltkrieges seinen Lauf genommen, spielte "Die Farben des Feuers" zwischen 1927 und 1933, während nun zum Zeitpunkt des vorliegenden Schlussteils halb Europa bereits in Flammen steht und im Laufe des Sommers 1940 auch Paris von der deutschen Wehrmacht überrumpelt wird.

Hätte sich die Jury der Académie Goncourt nicht schon vor sieben Jahren dafür entschieden, Pierre Lemaitre mit dem Prix Goncourt in den französischen Literaturolymp zu befördern, wäre dieser Schritt spätestens im Hier und Jetzt unausweichlich geworden. Der Autor hat durch seine starken Beschreibungen von Geschichten im Kleinen das ganz große Porträt einer Epoche Frankreichs, der zwischen den beiden Weltkriegen, gezeichnet. Im Epilog zu "Spiegel unseres Schmerzes" legt Lemaitre seine Gedankenwelt zur Entstehung dieser Trilogie offen und beschreibt seine Inspiration sowie den Prozess seines Schaffens. Dabei macht er auch deutlich, welche Personen und örtlichen Gegebenheiten reale Vorbilder besitzen.

Alle drei Teile von Lemaitres Trilogie sind beim Berliner Audio Verlag als ungekürzte Hörbücher produziert worden. Wie schon in "Die Farben des Feuers" konnte mit Torben Kessler ein Meister seines Faches als Sprecher gewonnen werden. Der Film- und Theaterschauspieler begleitet den begeisterten Hörer beim Vortrag des gesamten Buches über knapp 14 Stunden hinweg. Die durch den Autor vorgegebene Handlung sorgt dafür, dass sich nach einem euphorischen Beginn erstmal eine gewisse Streckung breitmacht. Doch verstehen es Autor und Sprecher gleichermaßen, die verschiedenen Stränge zusammenzuführen und den Hörer durch das Grauen des Krieges und durch romantische Phasen hin zu einer gewissen Hoffnung zu geleiten.

Pierre Lemaitre hat mit "Spiegel unseres Schmerzes" respektive mit seiner gesamten Trilogie zwischen den beiden Weltenbränden nicht nur einfach Geschichten zu bestimmten Zeiten und Orten geschrieben, sondern er hat schlicht ein großes Gemälde erschaffen, komplexe Strukturen und Zusammenhänge aus einzelnen überschaubaren Keimzellen heraus kreiert. Der Autor hat auf Basis seiner messerscharfen Beobachtungen, dank der Leichtigkeit seines herausragenden Schreibstils und mit seiner Gabe, Erzählstränge auseinanderdividieren und wieder zusammenführen zu können, das Porträt einer Epoche Frankreichs und seiner Menschen geschrieben. "Les Enfants du désastre" hat seinen dauerhaften Platz in der französischen Literatur eingenommen. Als deutschsprachiger Freund intelligenter Erzählungen mit literarischer Finesse schätzt man sich glücklich, diese Trilogie genießen zu dürfen.

Christoph Mahnel 
14.12.2020

 
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Das Buch:

Pierre Lemaitre: Spiegel unseres Schmerzes. Aus dem Franzsischen von Tobias Scheffel

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Sprecher: Torben Kessler Berlin: Der Audio Verlag 2020 Spielzeit: 825 Min., 24,00 ISBN: 978-3-7424-1752-7

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