Hrbcher

Ode an Haparanda

Das an der schwedisch-finnischen Grenze gelegene Haparanda ist Schauplatz einer fürchterlichen Entdeckung. Im Magen einer toten Wölfin finden sich menschliche Überreste. Die Aufregung ist sogleich riesig, doch entpuppt sich der Fund nicht als Gräueltat eines Tieres, sondern vielmehr als Folge eines Scharmützels von Menschenhand. Die Extremitäten aus der Wölfin gehörten zu einem Mann, dessen Lebenslichter zuvor im Rahmen eines schiefgegangenen Drogendeals ausgelöscht wurden. Verschiedene polizeiliche Behörden werden in die Ermittlungen involviert. Es tauchen Spuren auf, die ins benachbarte Finnland, womöglich sogar nach Russland führen. Doch selbst die regionalen Kleindealer Haparandas scheinen allesamt irgendwie einen Bezug zu der Tat zu haben, was ein verworrenes Geflecht an Machenschaften hinterlässt.

Im Zentrum der Polizeiarbeit befindet sich Hannah Wester, eine Mittfünfzigerin, die eine Affäre mit ihrem Vorgesetzten hat. Dennoch bedrückt sie der Umstand, dass ihr Ehemann Thomas sich seit geraumer Zeit merkwürdig verhält, was sich für Hannah nur dadurch erklären lässt, dass er selbst einer Liebschaft an der Arbeit nachgeht. Die beiden leiden auch heute noch unter dem spurlosen Verschwinden ihrer zweijährigen Tochter vor 26 Jahren, obgleich mittlerweile sogar die beiden nachgeborenen Kinder ihre eigenen Wege gehen. Hannah ahnt noch nicht, mit wem sie es in ihrem aktuellen Fall zu tun hat. Aus Russland ist nämlich bereits eine junge skrupellose Killerin nach Haparanda geschickt worden, die ihre eigenen Ermittlungen vorantreibt und keine Sekunde zögert, unliebsame Zeitgenossen ins Jenseits zu befördern.

"Wolfssommer" lautet der Titel des vorliegenden Thrillers aus der Feder von Hans Rosenfeldt, wobei besagter Wolf mit dem bizarren Mageninhalt nur eine Randnotiz in der Geschichte darstellt. Der schwedische Autor feiert mit dem ersten Buch um Hannah Wester ein Debüt als Solo-Schriftsteller. In der Vergangenheit war er stets mit Michael Hjorth zusammen aufgetreten und dies äußerst erfolgreich. Die Sebastian-Bergmann-Reihe als Co-Produktion der beiden Autoren reüssierte vor neun Jahren und hat mit bis dato insgesamt sechs Büchern einen Platz ganz oben in der Hitparade schwedischer Krimis und Thrillers eingenommen. Nun also wartete die Fangemeinde von Sebastian Bergmann, dem frauenverschlingenden Profiler, mit ganz viel Spannung auf das erste Solo-Werk von einem der beiden Autoren.

Parallel zum Erscheinen der Buchausgabe hat sich der Freiburger Audiobuch Verlag um die Produktion eines Hörbuchs gekümmert. Bereits die Bergmann-Romane waren dort erschienen, allerdings mit Douglas Welbat am Mikrofon. Nun hat Vera Teltz übernommen, die in Hörbuchkreisen jüngst vor allem bei den Vertonungen der Romane von Ellen Sandberg in Erscheinung getreten war. Aufgrund der Verlagerung hin zu einer weiblichen Protagonistin erweist sich dieser Wechsel auf der Sprecherposition definitiv als angemessen, zumal mit Katja, der russischen Killerin, eine weitere Frau die Handlung in "Wolfssommer" trägt. Zu Beginn des Hörbuchs mag man Hans Rosenfeldt noch verfluchen, da er unzählige Namen und Personen ins Feld führt, sich aber nicht die Zeit nimmt, diesen einen individuellen Anstrich zu geben. Darüber hinaus verunsichert die exzessive Verwendung von Personalpronomen bei der Zuordnung von Handlung und Charakteren. Erst nach einigen Stunden hat man sich als Hörer vollends sortiert und kann den Plot mit dem Zusammenspiel der verschiedenen Parteien aufrichtig genießen.

Der Autor scheint sich wohl irgendwann einmal in seinem Leben in Haparanda verliebt zu haben. Anders lässt sich nicht erklären, warum er dieser Kleinstadt mit dem weltweit nördlichsten IKEA-Möbelhaus ein Eigenleben zuschreibt, was über das gesamte Hörbuch hinweg gewöhnungsbedürftig bleibt. Es bedarf einer gewissen Ausdauer und Hartnäckigkeit, um das anfängliche Fremdeln mit "Wolfssommer" zu überwinden, was jedoch später mit einigen überraschenden Twists und herunterhängenden Kinnladen belohnt wird. Dass es nicht bei diesem einen Roman um Hannah Wester bleiben wird, ist einem spätestens nach der letzten Szene klar. Hans Rosenfeldts neue Protagonistin wird in Kürze ihren Kreuzzug beginnen, um hinter die Geheimnisse zu kommen, die so elementar für das Auskommen mit ihrem eigenen Leben sind.

Christoph Mahnel 
07.12.2020

 
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Das Buch:

Hans Rosenfeldt: Wolfssommer. Aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein

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Sprecherin: Vera Teltz Freiburg: Audiobuch Verlag 2020 Spielzeit: 663 Min., 19,95 ISBN: 978-3-95862-539-6

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