Hrbcher

Literatur frs Herz

Ein zwölfjähriges Mädchen gerät nach einer Vorstellung der Augsburger Puppenkiste durch eine verborgene Tür auf einen märchenhaften Dachboden, auf dem viele Freunde warten: die Prinzessin Li Si, Kater Mikesch, Lukas, der Lokomotivführer. Vor allem aber die Frau, die all diese Marionetten geschnitzt hat und nun ihre Geschichte erzählt. Es ist die Geschichte eines einmaligen Theaters und der Familie, die es gegründet und berühmt gemacht hat. Alles beginnt in den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs, als Walter Oehmichen, ein Schauspieler des Augsburger Stadttheaters, in der Gefangenschaft einen Puppenschnitzer kennenlernt und für die eigene Familie ein Marionettentheater baut. In der Bombennacht 1944 verbrennt es zu Schutt und Asche. Ein Traum scheint gescheitert.

Von der Entstehung des berühmten Puppentheaters, der Kindheit und dem Aufwachsen in einem weltkriegszerstörten Augsburg, davon wird in "Herzfaden" erzählt. Und wir als Zuhörer lauschen mindestens ebenso gebannt den Berichten der dauerrauchenden Frau. Von den Pogromen, der Armut und dem Leid, das der Krieg mit sich brachte. Davon, wie ihr Vater als Spielleiter des Augsburger Staatstheater zunächst nicht entnazifiert wurde, wie die GIs Augsburg besetzten und wie die Oehmichens alles daran setzten, Ablenkung und Normalität zurück zu den Menschen zu bringen. Von all dem erzählt Hatü dem Mädchen auf dem Speicher, das schon bald dem Charme der Puppen erliegt, aber auch ihre Gefährlichkeit erfährt.

Thomas Hettches "Herzfaden" erzählt von der Kraft der Fantasie in dunkler Zeit und von der Wiedergeburt dieses Theaters. Nach dem Krieg gibt Walters Tochter Hatü in der Augsburger Puppenkiste Waisenkindern wie dem Urmel und kleinen Helden wie Kalle Wirsch ein Gesicht. Generationen von Kindern sind mit ihren Marionetten aufgewachsen. Die Augsburger Puppenkiste gehört zur DNA dieses Landes, seit in der ersten TV-Serie im westdeutschen Fernsehen erstmals Jim Knopf auf den Bildschirmen erschien.

Unterhaltung, die das Herz berührt, es sogar einem bricht - Thomas Hettche ist wahrlich ein Künstler, der seinesgleichen unter den Autoren Deutschlands sucht. Sein Schreibkönnen ist geradezu überwältigend. Ab dem ersten Satz von "Herzfaden" verliert man sich mit allen Sinnen in Valery Tscheplanowas, aber auch in Christian Brückners Stimme. Die beiden am Mikrofon und es haut einen glatt um. Über deren Lesung vergisst man die Welt vollkommen um sich herum. Die beiden Schauspieler beweisen sich als Meister ihrer Zunft. Durch sie wird die Story zu außergewöhnlich kunstvollem Kopfkino, das mit knapp acht Stunden Spielzeit eigentlich viel zu kurz geraten ist. Da können selbst die ganz Großen der deutschen Sprecher-Top-Elite nur schwer mithalten.

Will man etwas ganz Besonderes auf die Ohren kriegen, sollte man zu einem Roman von Thomas Hettche greifen. "Herzfaden" lauscht man mit großer Freude und leuchtenden Augen. Denn hier erfährt man Literatur auf höchstem Niveau. Das Sprecherduo Valery Tscheplanowa und Christian Brückner erwecken die Augsburger Puppenkiste so zauberhaft wie fesselnd zum Leben. Deren Lesung ist absolut preisverdächtig, definitiv das Beste vom Besten für die Ohren. Nichts begeistert mehr!

Susann Fleischer 
12.10.2020

 
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Das Buch:

Thomas Hettche: Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste

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Sprecher: Valery Tscheplanowa, Christian Brckner Berlin: Argon Verlag 2020 Spielzeit: 520 Min., 24,95 ISBN: 978-3-8398-1817-6

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