Hrbcher

Schaurige Miniaturen

Kurz nachdem in einer Schule in der Nähe von Pittsburgh eine von einem Boten überbrachte Paketbombe etliche Schüler aus ihrem Leben gerissen hat, ziehen die Berichterstattungen über das Massaker auch Holly Gibney vor dem Fernseher in ihren Bann. Als hervorragende Beobachterin bohrt sich ein Detail des rasenden Reporters in Hollys Auge, das sie fortan nicht mehr in Ruhe lässt. Könnte es tatsächlich sein, dass es sich bei diesem Mann um einen weiteren "Outsider" oder gar denselben handelt, von dem sie geglaubt hatte, dass sie ihn vor kurzem zur Strecke bringen konnte? Einmal festgebissen in eine Sache, lässt Holly Gibney genau so wenig locker wie ein Pitbull. Die schrecklichen Erinnerungen an ihren vorigen Fall kehren schlagartig zurück, doch dieses Mal erhält Holly keinerlei Unterstützung und ist gänzlich auf sich gestellt. Ihr langjähriger Weggefährte Bob Hodges liegt schon längst unter der Erde und Ralph Anderson weilt mit seiner Familie im Urlaub und ist nicht erreichbar.

"Der Outsider" begeisterte vor zwei Jahren Stephen Kings Fangemeinde, als Holly Gibney erstmals ohne Bill Hodges ermitteln musste und sich einer Bestie gegenübersah, die mit einem diesseitigen Verständnis nicht begreifbar schien. Nun kehrt das Grauen zurück in die Bücherregale und zwar in Form einer Fortsetzung mit dem Titel "Blutige Nachrichten". Dieses Sequel firmiert im Opus von Stephen King tatsächlich als Kurzgeschichte, obgleich sie mit 240 Seiten unter normalen Maßstäben gemessen als eigenständiger Roman durchgehen könnte. Zusammen mit drei weiteren, beträchtlich kürzeren Geschichten bildet sie das neueste Werk aus der Feder des Erfolgsautors: "Blutige Nachrichten" benannt nach der führenden Geschichte, die hier als dritte von vieren die Leserschaft erfreut.

"Mr. Harrigans Telefon" eröffnet den Kurzgeschichtenband und überzeugt als eine Hommage an das iPhone. Der steinreiche Unternehmer Mr. Harrigan fristet seine letzten Lebensjahre als Pensionär in einem kleinen Kaff, wo ihm der junge Craig bei Arbeiten im Haus und im Garten zur Hand geht und später als Vorleser zu einem Freund wird. Eines Tages schenkt Craig dem altmodischen Mr. Harrigan gegen dessen Überzeugung ein iPhone, was dieser nach einigen Akzeptanzproblemen schließlich begeistert nutzt. Übersinnliche Züge erhält die Geschichte nach Mr. Harrigans Tod, wenn dessen iPhone ein Eigenleben beginnt, das Craig über die Grenzen seiner Vorstellungskraft hinauskatapultiert. Wieder einmal hat King eine absolut liebenswerte Geschichte zu Papier gebracht, der er am Ende einen für ihn typischen Twist verpasst.

In "Chucks Leben" ist der Leser zunächst genauso verwirrt wie die Menschen in der Geschichte selbst. An allen Ecken wird Chuck für wunderbare Jahre gedankt. Doch wer war dieser Chuck? Und was rechtfertigt eine derartige Werbekampagne, völlig überdimensionierte Danksagung oder was auch immer es sein soll? Ohne allzu viel zu verraten, hat King hier eine Erzählform gewählt, die das Mitdenken fordert und einen letztlich ziemlich verblüfft zurücklässt. Nach der titelgebenden Geschichte mit Holly Gibney wird "Blutige Nachrichten" schließlich abgerundet mit "Ratte", einer Erzählung über einen Lehrer im Sabbatjahr, das dieser für sein Schriftsteller-Hobby nutzen möchte. Doch sind seine Familie und Freunde in höchster Sorge um ihn, wissen sie doch nur zu gut, wie sehr ihn Stories, die er in seinem Kopf mit sich herumträgt, belasten und mitunter über einen längeren Zeitraum außer Gefecht setzen. Als er sich, um in Ruhe schreiben zu können, in einer alten Familienhütte einquartiert und ein Unwetter heraufzieht, fühlt man sich unweigerlich an "Misery" und "Shining" erinnert, Werke von Stephen King, die mittlerweile mehr als 30 respektive 40 Jahre auf dem Buckel haben.

Von Zeit zu Zeit, wenn Stephen King sich einmal von den Anstrengungen, denen er bei der Schaffung seiner epischen Werke ausgesetzt ist, erholen muss, produziert er Kurzgeschichten. Wie schon beim "Basar der bösen Träume" vor vier Jahren ist auch dieses Mal mit "Blutige Nachrichten" ein sehr unterhaltsames Kompendium an Kurzgeschichten dabei herausgekommen. Die vorliegende Hörbuchausgabe umfasst die komplette Lesung der vier Geschichten - natürlich mit David Nathan am Mikrofon. Mehr als 16 Stunden dauert dieses Hörvergnügen an und liefert vier verschiedene Plots mit völlig unterschiedlich gearteten Geschichten. Kings unermüdliches Schaffen und insbesondere das Tempo, in dem er seine Ideen zu Papier bringt, lassen hoffen, dass er noch so manchen großen Roman produzieren wird, vielleicht auch noch einmal mit Holly Gibney, der liebenswürdigen wie schrulligen Privatdetektivin.

Christoph Mahnel 
05.10.2020

 
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Das Buch:

Stephen King: Blutige Nachrichten. Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt

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Sprecher: David Nathan Mnchen: Random House Audio 2020 Spielzeit: 981 Min., 24,00 ISBN: 978-3-8371-5290-6

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