Hrbcher

Antike, die begeistert

7-5-3, Rom schlüpft aus dem Ei. Wohl jeder Schüler kennt diesen Merksatz und weiß daher ganz genau, wann das Imperium Romanum seinen Ursprung genommen hat. Eine Wölfin, die zwei Brüder namens Romulus und Remus säugte, spielt dabei bekanntermaßen eine zentrale Rolle. Doch geschah diese Gründung Roms nicht aus heiterem Himmel, sondern besitzt ein sehr stolzes Vorspiel mit einem trojanischen Königssohn in der Hauptrolle. Der Gründungsmythos Roms basiert auf der Flucht besagten Aeneas' aus dem brennenden Troja, seinen jahrelangen Irrfahrten im Mittelmeer und dem göttlichen Auftrag, in Latium eine bedeutende Stadt zu errichten. Romulus und Remus, die sich in ihrer direkten Ahnenlinie auf den großen trojanischen Helden Aeneas zurückführen lassen, erblickten schließlich erst Jahrhunderte später das Licht der Welt.

Höhere Lateinschüler dürften zu fortgeschrittener Schuldauer mit Vergils "Aeneis" konfrontiert worden sein, um zahlreiche der rund 10.000 Hexameter aus diesem Epos übersetzen zu dürfen. Der berühmte römische Dichter hatte die "Aeneis", die zweifelsohne als sein Hauptwerk gewürdigt werden darf, erst in den letzten Jahren vor seinem Tod verfasst. Der große Augustus höchstpersönlich hatte nach seiner Machtübernahme Vergil dazu gedrängt, ein Epos zu verfassen, das auf die Glorifizierung seiner selbst und seiner Herrschaft hinauslaufen möge. Gut zehn Jahre arbeitete Vergil an diesem Mammutwerk, zum Zeitpunkt seines Todes im Jahre 19 v.Chr. war es nicht einmal gänzlich vollendet. Geschaffen hatte Vergil jedoch eine monumentale Herkunftssage, die für das römische Reich einen heldenhaften Gründungsmythos schuf und die Verbindung zum antiken Troja herstellte.

Das Studium von Vergils "Aeneis" ist definitiv keine leichte Kost, so dass der geschichtsinteressierte Leser durchaus an einer angenehm zu konsumierenden Version interessiert ist. Der Südwestfunk hat bereits im Jahre 1982 dieses Epos als Hörspiel bearbeitet und produziert. Mit namhaften Sprechern, rund 40 an der Zahl, ist diese Inszenierung hochkarätig besetzt. Joachim Nottke, vielen als sonorer Erzähler in den Hörspielen von Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg noch aus Kindertagen in guter Erinnerung, füllt die Rolle des Aeneas stimmgewaltig aus. Die im Olymp miteinander konkurrierenden Göttinnen Juno und Venus sind mit Gisela Uhlen und Sybille Nicolai ebenfalls sehr prominent besetzt. Die eingesetzten Effekte machen die vielen Seereisen und Schlachten des Aeneas zu einem unvergesslichen Hörerlebnis.

Das vorliegende Hörspiel orientiert sich sehr konsequent an der insgesamt zwölf Bücher umfassenden Vorlage Vergils. Ausgehend von der Zerstörung Trojas wird der Hörer mit auf die Reise genommen, die Aeneas und seine aus dem trojanischen Flammeninferno geflohenen Gefährten zuerst nach Karthago führt, wo er am Hofe der Königin Dido aufgenommen wird. Dort beginnen Juno und Venus ihre göttlichen Ränkespiele, die schließlich in Didos Selbstmord münden und die Saat für die Punischen Kriege legen sollten, wenn sich Jahrhunderte später Karthager und Römer bis aufs Blut bekriegen werden. Über weitere Stationen gelangen die trojanischen Helden letztlich ins mittelitalienische Latium, wo sie auch noch einige schwere Schlachten zu schlagen haben, bis die verschiedentlichen an Aeneas herangetragenen Prophezeiungen endlich wahr werden und die Stadt Rom unter seiner Führung gegründet werden kann.

Die gut 200 Minuten Hörspiel, die der Berliner Audio Verlag hier mit fast 40 Jahre altem Material des Südwestfunks basierend auf einer mehr als zwei Jahrtausenden alten Quelle neu aufgelegt hat, sind ein großes Fest für die Ohren und sorgen beim begeisterten Hörer für erstklassiges Kopfkino. Es zeigt sich wieder einmal, dass ein gelungenes Hörspiel keinen modernen Schnickschnack benötigt, sondern althergebrachte Produktionen trotz der Patina, die sie bei der Lagerung in den Archiven vielleicht angesetzt haben mögen, dank ihrer Konzentration aufs Wesentliche begeistern können. Die Odysseen des Aeneas, die Scharmützel in der intriganten Götterfamilie, die sich erweisenden Prophezeiungen und die tugendhaften Charaktere sorgen für eine spannungsgeladene und lehrreiche Unterhaltung mit einer Qualität, von der man sich als Hörer mehr wünscht. Womöglich hat der Audio Verlag noch ähnliche Pfeile bzw. Aufnahmen im Köcher, die in Bälde eine Wiedergeburt erfahren dürfen.

Christoph Mahnel
27.04.2020

 
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Das Buch:

Vergil: Aeneis

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Sprecher: Joachim Nottke, Gisela Uhlen u.v.a. Berlin: Der Audio Verlag 2020 Spielzeit: 201 Min., 15,00 ISBN: 978-3-7424-1387-1

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