Hrbcher

Von bersetzern und Schriftstellern

Simon Leyland hat schon als Jugendlicher beschlossen, dass er einmal alle Sprachen, die rund um das Mittelmeer gesprochen werden, lernen möchte. Dazu inspiriert hat ihn die Landkarte, die im Haus seines Onkels in London hing. Leyland ist dann tatsächlich Übersetzer geworden, hat sich sogar Maltesisch angeeignet und ist mit seiner Frau Livia und den beiden Kindern von London nach Triest gezogen, als Livia dort den Verlag ihres Vaters geerbt hat.

Es sind ihm einige glückliche Jahre als Übersetzer und nach dem plötzlichen Tod seiner Frau dann auch als Verleger beschert, bevor ihn im Herbst seines Lebens eine fatale Diagnose ereilt: ein tödlicher Hirntumor. Er bereitet alles für sein baldiges Ableben vor und verkauft den Verlag, das Familienunternehmen seiner geliebten Frau, der er auch nach ihrem Tod immer noch regelmäßig Briefe schreibt und von seinem Leben berichtet. Nur wenige Tage nach dem Verkauf des Verlages erfährt er, dass man seine Befunde im Krankenhaus vertauscht hat. Er ist kerngesund - bis auf einige schwere Migräneanfälle, die ihm immer wieder einige Stunden leichter Lähmung bescheren.

Diese neue Lebenszeit, die ihm nun geschenkt ist, will er bewusst nutzen. Er zieht nach London, wo er das Haus seines Onkels geerbt hat, und probiert sich nach einem fast vollendeten Berufsleben als Übersetzer und Lektor selbst als Schriftsteller.

Der Philosophieprofessor und Autor Pascal Mercier, hinter dem sich der Schweizer Peter Bieri verbirgt, hat selbst erst im Alter von 51 Jahren zum Beruf des Romanschriftstellers gefunden. Dass er von Haus aus Philosoph ist, lässt sich auch in seinen Romanen nicht verbergen. In "Das Gewicht der Worte" lässt er seinen Protagonisten zwar hauptsächlich sprachliche Problemstellungen, wie sie nur einen Übersetzer umtreiben können, diskutieren, aber philosophische Fragen zu den Themen Zeit, Tod und Schuld treiben ihn genauso um.

Über viele Minuten des Hörbuchs hinweg philosophiert Leyland zum Beispiel die Unterschiede von verplemperter, vertrödelter oder vertaner Zeit, was für Leyland ganz offensichtlich nicht dasselbe ist. Für den Übersetzer Leyland, der aufgrund einer Fehldiagnose die "Erfahrung der knappen Zeit" - wie er es nennt - gemacht hat, ist die sprachliche Sezierung dieser verschiedenen Begriffe nicht nur ein Leichtes, sondern auch sein täglich Brot.

"Das Gewicht der Worte", das in der ungekürzten Hörbuchfassung von dem Schauspieler und gefragten Hörbuchsprecher Markus Hoffmann eingelesen und interpretiert wurde, mäandert zwischen den Briefen Leylands an seine Frau, Zitate aus seinen Übersetzungen bzw. den Romanen seiner vielen Autorenfreunde und der eigentlichen Erzählung hin und her. In welcher Erzähl- und Zeitebene man sich gerade befindet, ist nicht immer ganz einfach zu identifizieren, hat man einmal für einige Momente den Faden verloren und versucht, sich wieder in die Geschichte einzufinden. Dass man als Hörer ab und zu einmal den Faden verliert, ist nicht ganz abwegig, da Mercier sich doch oft auf weit abschweifende Pfade begibt.

Ist man jedoch an Sprache und der Kunst der literarischen Übersetzung interessiert oder gehört selbst der Zunft der Schreibenden an, findet man sich mit Sicherheit in den Ausführungen Leylands über die Schwierigkeit, diese oder jene Wendung überhaupt in eine andere Sprache zu übertragen, wieder. Merciers neuester Roman ist eindeutig ein Plädoyer für die Schönheit von Sprache - ganz gleich, um welche es sich handelt.

Sabine Mahnel 
09.03.2020

 
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Das Buch:

Pascal Mercier: Das Gewicht der Worte

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Sprecher: Markus Hoffmann Hamburg: Hrbuch Hamburg 2020 Spielzeit: 1340 Min., 26,00 ISBN: 978-3-95713-196-6

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