Hrbcher

Der nullte Maigret

Es ist ein später Samstagabend am Quai des Orfèvres. Im dortigen Pariser Kommissariat hockt Jules Maigret über einigen Berichten, die er noch zu verfassen hat. Da erscheint eine junge Frau in seinem Büro, die ihm einen Mord gestehen möchte. Doch Maigret wird kurzzeitig abgelenkt und schon ist die Frau wieder verschwunden. Wenig später erhält Maigret die Nachricht von einem Mord in Montreuil, einem Pariser Vorort. Bei seinen Recherchen vor Ort stößt Maigret schließlich auf eine im Haus des Mordopfers lebende Frau, die seiner geständigen Besucherin aufs Haar zu gleichen scheint. Doch sei sie angeblich nicht diejenige, die Maigret in ihr zu sehen glaubt. Eine skurrile Mordermittlung nimmt ihren Lauf, die Maigret bisweilen an sich selbst zweifeln lässt.

Der Ermordete, ein Kapitän im Ruhestand, ist offensichtlich erstochen worden. Doch hat die Concierge in der ganzen Nacht niemanden gesehen, der das Haus betreten noch verlassen habe. Völlig merkwürdig kommen die Mitglieder der Familie Gastambide daher, die ein Appartement in besagtem Haus bewohnen. Vater, Sohn und die Tochter, von der Maigret glaubt, sie in seinem Büro zu Besuch gehabt zu haben, scheinen eine ganze Schar merkwürdiger Charakterzüge und Verhaltensweisen auf sich zu vereinigen. Mit seinem scharfen Verstand und der darauf ausgerichteten Verhörtaktik gelingt es Maigret zunächst lediglich, die Komplexität und Unerklärlichkeit des Falles weiter aufzublähen, bis schließlich der Groschen fällt und Maigret die Dinge peu à peu wieder auf die Reihe bekommt.

"Maigret im Haus der Unruhe" ist - ja, wirklich! - eine Neuerscheinung aus der Feder von Georges Simenon. Der Pariser Kommissar bildet den zentralen Part im Lebenswerk des belgischen Schriftstellers, der ab 1931 in etwas mehr als vier Jahrzehnten insgesamt 75 Romane und 28 Erzählungen mit Maigret als Hauptfigur geschaffen hatte. Bislang galt "Maigret und Pietr der Lette" als erster Maigret-Roman, doch nun hat der Schweizer Kampa Verlag mit dem vorliegenden Roman einen neuen Maigret zu Tage gefördert, was einer literarischen Sensation gleichkommt. Vermutlich 1929 entstanden vier Vorläuferromane Georges Simenons, von denen "Maigret im Haus der Unruhe" anno 1930 in einer Tageszeitung unter dem Pseudonym Georges Sim abgedruckt worden war und dieser der einzige der vier Romane ist, in dem Maigret bereits die Hauptrolle einnimmt. Somit scheint tatsächlich die Maigret’sche Geschichtsschreibung korrigiert werden zu müssen, da es mit "Maigret im Haus der Unruhe" einen bislang unbekannten und somit nullten Maigret gibt.

Das schriftstellerische Werk Georges Simenons ist selbst 30 Jahre nach dessen Tod immer wieder ein attraktives Projekt für ambitionierte Verleger. Vor rund einem Jahrzehnt hatte der Zürcher Diogenes Verlag sämtliche Werke Maigrets überarbeitet und über einen längeren Zeitraum hinweg nach und nach herausgebracht. Ein regelrechter Simenon- und Maigret-Boom war damit entfacht worden. Nun ist mit Daniel Kampa ein weiterer Eidgenosse und Gründer des gleichnamigen Verlages nach vorne geprescht und hat nach dem Erwerb der Rechte begonnen, die teilweise überarbeiteten und teilweise neu übersetzten Werke Simenons auf den Markt zu bringen. Mit der Ankündigung eines neuen Maigrets hat Kampa eine werbewirksame Bombe platzen lassen.

Parallel zu den Buchausgaben erscheinen beim Berliner Der Audio Verlag ungekürzte Lesungen der Maigret-Romane. Mit Walter Kreye am Mikrofon des vorliegenden Hörbuchs taucht man für knapp viereinhalb Stunden ab in einen Fall, der atmosphärisch mitunter gespenstische Züge annimmt. Die psychisch labilen Gestalten im Haus des Tatorts und das Rätseln um eine mysteriöse Begegnung im eigenen Büro sorgen zeitweise dafür, dass sowohl Hörer als auch Maigret beginnen, an sich zu zweifeln. Doch wie immer gelingt es dem extrem rationalen Kommissar, irgendwann wieder den Boden unter die Füße zu bekommen und ganz plausible und nachvollziehbare Erklärungen abzuliefern. Kurioserweise bediente sich Simenon im vorliegenden Fall desselben Motivs wie in "Pietr der Lette", der bis vor kurzem noch als Ur-Maigret gehandelt wurde. Bleibt spannend, welche Überraschungen Maigret-Fans im Zuge dieser Neuauflage des Kampa Verlages noch zu erwarten haben.

Christoph Mahnel 
27.05.2019

 
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Das Buch:

Georges Simenon: Maigret im Haus der Unruhe. Aus dem Franzsischen von Thomas Bodmer

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Sprecher: Walter Kreye Berlin: Der Audio Verlag 2019 Spielzeit: 266 Min., 19,99 ISBN: 978-3-7424-1027-6

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