Hörbücher

Immer auf der Flucht

1982 gelang der chilenisch-US-amerikanischen Journalistin Isabel Allende der literarische Durchbruch mit ihrem Roman "Das Geisterhaus", der 1993 nochmals einen Erfolgsschub durch die Verfilmung mit Jeremy Irons, Meryl Streep und Winona Ryder erfuhr. Seither hat Allende mehr als 20 Romane geschrieben, die von den Kritikern mal mehr, mal weniger geliebt wurden, immer öfter aber auch als zu pilcherhaft beschrieben wurden. Was all ihren Romanen jedoch gemein ist, ist die Verarbeitung persönlicher und autobiografischer Elemente, wie auch in ihrem neuesten Werk "Ein unvergänglicher Sommer".

In ihrem neuesten Roman beschreibt die 76-Jährige, wie das Schicksal drei Menschen zusammenbringt, die auf den ersten Blick so gut wie nichts eint, die aber mit der Zeit feststellen, dass ihre Lebensgeschichten gar nicht so unterschiedlich sind. Die 62-jährige Lucía, chilenische Gastprofessorin an der New Yorker Uni, stürzt sich nach der Scheidung von ihrem Mann und ihrer überstandenen Krebserkrankung nochmal in ein neues Kapitel ihres Lebens. Ihr Vermieter und Kollege Richard ist ein von Allergien und Neurosen geplagter 60-Jähriger, der nach dem Verlust seines Kindes und seiner Frau ein eigenbrötlerisches Leben angenommen hat. Die Dritte im Bunde ist Evelyn, das Kindermädchen aus Guatemala, das illegal im Land ist und für einen reichen, aber sehr zwielichtigen Geschäftsmann arbeitet.

Zusammengeführt hat die drei ein Auffahrunfall. New York wird von einem Schneesturm beherrscht, als Richard eine seiner Katzen in die Tierklinik bringen muss. Auf schneeglatter Fahrbahn fährt er Evelyn, die mit dem Auto ihres Arbeitgebers unterwegs ist, auf. Die Heckklappe schließt nicht mehr richtig. Was Richard zunächst nicht weiß, ist, dass sich im Kofferraum des Autos eine Leiche befindet. Evelyn, die den toten Körper auch erst entdeckt hat, als sie schon mit dem Auto unterwegs war, hat Angst, zu ihrem gewalttätigen Arbeitgeber zurückzufahren. Noch am selben Abend steht sie völlig verstört vor Richards Tür. Lucía, die Richard in seiner Not herbeigerufen hat, weiß sofort, was zu tun ist. Zusammen müssen sie die Leiche loswerden - der Weg zur Polizei ist ihnen aufgrund der fehlenden Aufenthaltsgenehmigung von Evelyn verwehrt.

Während das seltsame Trio in einer kalten und verschneiten Winternacht nach einer Möglichkeit sucht, die bereits gefrorene Leiche loszuwerden, wird mit Sprüngen in die Vergangenheit die Lebensgeschichte aller drei Protagonisten erzählt. Lucía musste als Jugendliche vor dem Pinochet-Regime aus Chile flüchten, und Evelyn gelang mit Schleusern die Flucht in die USA. Sie floh vor einer gewalttätigen Bande, der bereits ihre beiden Brüder zum Opfer gefallen waren. Auch Richards Vater musste im Zweiten Weltkrieg flüchten. Als Jude gelang es ihm, den Fängen der Nazis in Deutschland zu entkommen.

Die drei Flüchtlingsopfer erleben in diesen kalten Wintertagen in New York nicht nur äußerlich einen Winter, sondern befinden sich auch emotional in einer Eiszeit. Richard hat sich schon vor langer Zeit emotional abgekapselt, auch Lucía hat nach ihrer Krankheit an Lebenslust eingebüßt, und Evelyn ist so verängstigt, dass sie sich nur noch stotternd verständigen kann. Doch gemäß des Zitats von Albert Camus "Mitten im Winter erfuhr ich endlich, dass in mir ein unvergänglicher Sommer ist", mit dem der Roman beginnt und aufhört, lässt Allende ihre Figuren aus dieser Winterstarre erwachen und beschert ihnen einen vielleicht nicht unvergänglichen, aber unvergesslichen Sommer im Herzen.

Allende, die bereits an vielen Orten der Welt zu Hause war - sowohl ihr Vater als auch ihr Stiefvater waren Diplomaten - und in den Siebziger Jahren selbst vor dem Pinochet-Regime flüchten muss, bringt ihre eigenen Erfahrungen des Überall-fremd-Seins sowie des Flüchtens und des Immer-wieder-neu-Anfangens immer in ihre Geschichten ein. Diese persönliche Note macht ihre Romane auch so attraktiv und nachvollziehbar, auch wenn sie sich in "Ein unvergänglicher Sommer" mit den Lebensgeschichten ihrer drei Protagonisten vielleicht ein bisschen übernommen hat. Jede einzelne dieser Geschichten hätte bereits einen Roman füllen können. Alle drei erzählen zu wollen, bedeutet natürlich, Abstriche zu machen und sie an manchen Stellen unausgefüllt zu lassen.

Die Schauspielerin Barbara Auer hat bereits den Vorgängerroman von Isabell Allende eingelesen und so nun auch "Ein unvergänglicher Sommer". Zur Freude aller Hörbuch-Puristen ist die Lesung ungekürzt und erstreckt sich über mehr als zehn Stunden. Insbesondere die resolute Lucía, die ihrem Kollegen und Vermieter Avancen macht, nimmt durch Barbara Auers Interpretation besonders leicht Form an in den Köpfen der Hörer.

Auch wenn der Titel von Allendes neuestem Roman die perfekte Sommerlektüre suggeriert, ist er doch eher etwas für die kommenden etwas kühleren und kürzeren Tage. Die dunklen Stunden des Winters lassen sich mit Allendes Mischung aus Drama, Krimi und Liebesgeschichte auf die unterhaltsamste Weise füllen.

Sabine Mahnel
08.10.2018

 
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Das Buch:

Isabel Allende:
Ein unvergänglicher Sommer. Aus dem Spanischen von Svenja Becker

Bild: Buchcover Isabel Allende, Ein unvergänglicher Sommer

Sprecherin: Barbara Auer
München: Der Hörverlag 2018
Spielzeit: 622 Min., € 22,00
ISBN: 978-3-8445-3109-1

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