Hrbcher

Die vergessenen Leben von Winkelberg

Als im Jahre 1944 die junge Krankenschwester Kathrin Mändler ihren Job in der Heil- und Pflegeanstalt Winkelberg antritt, ahnt sie noch nicht, dass dort sämtliches Leben, das gemäß nationalsozialistischer Ideologie als nicht lebenswert erachtet wird, systematisch ausgerottet wird. Die engagierte und eigentlich moralisch integre Kathrin hat sich derweil in Kurt Landmann, den Leiter der Anstalt, verguckt und stürzt sich in eine verhängnisvolle Affäre mit ihm. Knapp siebzig Jahre später erleidet besagte und mittlerweile betagte Kathrin Mändler einen Schlaganfall. Ihre Nichte Vera, Journalistin bei einer Frauenzeitung, kümmert sich liebevoll um ihre Tante und wird dabei auf die Vorfälle in Winkelberg aufmerksam. Doch sie ist beileibe nicht die einzige, die sich für dieses brisante Thema fasziniert. Diese Interessenten kennen keine Gnade und sind sprichwörtlich bereit, über Leichen zu gehen, nur um in den Besitz der belastenden Unterlagen zu gelangen.

Manolis Lefteris, Sohn eines griechischen Gastarbeiters und eines Münchener Hippie-Mädchens, hat vor vielen Jahren dank Bernd Köster die Kurve in seinem Leben bekommen. Seitdem erledigt er für seinen Ziehvater Aufträge aller Art. Sein neuester Job besteht darin, für einen Klienten Kösters belastendes Material in Gewahrsam zu bekommen. Rasch gerät Manolis auf die Fährte von Vera Mändler, und dank einiger technischer Tricks schafft er es, sich bequem an ihre Fersen zu heften. Ein Auftrag, der ihn und Vera Mändler in höchste Lebensgefahr bringt. Manolis ist überzeugt davon, dass die zu beschaffenden Unterlagen brisante Geheimnisse beinhalten müssen. Zu allem Übel wecken in ihm die Vorfälle von einst in Winkelberg die Geister eines alten Familiengeheimnisses.

"Die Vergessenen" lautet der treffende Titel von Ellen Sandbergs neuestem Roman. Ellen Sandberg ist kein neuer Stern am deutschen Schriftstellerhimmel, sondern ein Pseudonym, hinter dem sich mit Inge Löhnig eine alte Bekannte verbirgt. Ihre Kriminalromane mit Hauptkommissar Dühnfort sind legendär, doch hat sie für sich entschieden, einen Krimi, bei dem besagter Dühnfort außer einem kurzen Camouflage-Auftritt nicht in Erscheinung tritt, unter anderem Namen zu veröffentlichen. Dies sei sie laut eigener Aussage ihren treuen Lesern und deren Erwartungen schuldig. Das vorliegende Hörbuch beinhaltet eine gekürzte Lesung, die dennoch mit etwas mehr als zehn Stunden recht umfangreich ausfällt. Als Sprecher trifft Thomas M. Meinhardt stets den richtigen Ton und die angemessene Stimmlage.

Die Autorin verarbeitet in "Die Vergessenen" dunkle Kapitel der deutschen Geschichte. Die unmenschliche Rassenhygiene der Nationalsozialisten, euphemistisch als Euthanasie bezeichnet, lässt einen selbst ein ganzes Menschenleben später immer noch entsetzt und verstört zurück. Ellen Sandberg macht mit ihrem Buch die braunen Irrungen an ganz lebendigen Beispielen erlebbar, was einen beim Hören der entsprechenden Passagen spürbar leiden lässt. Die Autorin hat hier zwar einen fiktiven Fall zum Besten gegeben, doch befinden wir uns aktuell in der realen Gegenwart, in der just die mutmaßlich allerletzten Kriegsverbrecherprozesse stattfinden werden. Mit mittlerweile mehr als siebzig Jahren Abstand zum Ende des Zweiten Weltkriegs müsste man nämlich schon bald auf Hundertjährige oder Supercentenarians zurückgreifen, um adäquate Verbrechen in allerletzter Sekunde doch noch bestrafen zu können.

Nachdenklich stimmend, aber dennoch kurzweilig und unterhaltsam ist der Themen-Mix, den Ellen Sandberg alias Inge Löhnig hier zusammengestellt hat. Sehr gut führt sie die beiden Protagonisten im Hier und Jetzt ein, sämtliche Figuren besitzen Konturen und der Hörer kann deren Sehnsüchte sowie Sorgen und Nöten nachvollziehen. Alles, was man sich von einem guten Krimi wünschen kann, findet sich in "Die Vergessenen" wider: Charaktere mit Stärken, aber auch Schwächen, die nicht verschwiegen werden, ein gut recherchiertes und in Szene gesetztes Sachthema, dazu Spannung und Action, so dass während der zehnstündigen Lesung kein einziges Mal Langeweile aufkommt. Man wird gespannt beobachten dürfen, ob Inge Löhnig sich in Zukunft noch einmal als "Ellen Sandberg" in ihren Computer einloggen und eine Geschichte mit Manolis Lefteris zum Besten geben wird.

Christoph Mahnel
22.01.2018

 
Diese Rezension bookmarken:

Das Buch:

Ellen Sandberg: Die Vergessenen

CMS_IMGTITLE[1]

Sprecher: Thomas M. Meinhardt
Mnchen: Der Hrverlag 2017
Spielzeit: 607 Min., 12,99
ISBN: 978-3-8445-2718-6

Diesen Titel

Logo von Amazon.de: Diesen Titel können Sie über diesen Link bei Amazon bestellen.