Hrbcher

Schuld und Shne

Auf den zwölfjährigen Antoine prasselt kurz vor Weihnachten 1999 eine Menge ein. Während seine Freunde sich mit Computerspielen verlustieren, geht er meist alleine seinem Spiel in der Natur nach. Im Hinblick auf das bevorstehende Fest leidet er wieder einmal unter seiner so selten erfüllten Erwartungshaltung an die Geschenke, die ihm sein Vater aus dem fernen Deutschland schickt. Als dann der von ihm so sehr geliebte Nachbarshund Odysseus von einem Auto angefahren wird und vor seinen Augen vom Nachbarn von seinem Leiden erlöst und erschossen wird, beginnen bei ihm, die Sicherungen durchzubrennen. Wenig später trifft er auf den sechsjährigen Nachbarsjungen Rémi. Ein belangloser Wortwechsel endet damit, dass Antoine mit einem Stock auf Rémi einprügelt und ihn tötet. Wohin mit der Leiche, fragt sich ein völlig überforderter Zwölfjähriger, und entsorgt sie schließlich im Wald.

Als Rémis Familie beginnt, sich Sorgen um den Jungen zu machen, werden sogleich umfangreiche Suchaktionen eingeleitet. Antoine geht davon aus, innerhalb weniger Tage gefasst zu werden. Doch ein Jahrhundertsturm, der die Gegend erfasst und in ein Notstandsgebiet verwandelt, sorgt dafür, dass die Suche abgebrochen werden muss und ergebnislos bleibt. Für Antoine endet die Qual damit jedoch nicht. Die Sorge darüber, eines Tages gefasst zu werden, wird sein weiteres Leben bestimmen. Auch als er schon die Heimat fürs Internat und zum Studieren verlassen hat, ist dieser verdammte Tag weiterhin omnipräsent. Dann ergeht schließlich im Jahre 2011 der Beschluss, dass das Waldstück, in dem Antoine die Leiche Rémis hinterlassen hatte, für einen Naturpark erschlossen werden soll. Diese Nachricht versetzt Antoine erneut in allerheftigste Turbulenzen. Muss er nun - zwölf Jahre nach dem Mord - doch noch für seine Tat büßen?

"Drei Tage und ein Leben" heißt der Roman über die unglückliche Lebensgeschichte von Rémi und Antoine. Geschrieben hat ihn mit Pierre Lemaitre ein renommierter französischer Autor. Vor vier Jahren hatte er für "Wir sehen uns dort oben", einen tragikomischen Roman über zwei Veteranen des Ersten Weltkriegs, den Prix Goncourt erhalten, das französische Pendant zum Deutschen Buchpreis. Mit Spannung wurde daher "Drei Tage und ein Leben" als sein erstes Werk nach dieser Auszeichnung erwartet und ist wenig überraschend gleichzeitig als Buch und Hörbuch auf dem hiesigen Markt erschienen. Die vorliegende Hörbuchausgabe erstreckt sich als ungekürzte Lesung auf knapp sechseinhalb Stunden, in denen Torben Kessler als Sprecher am Mikrofon brilliert.

Lemaitres Stil ist bezogen auf die Handlung schnörkellos und zielstrebig, doch wenn er in die Gedankenwelt Antoines abtaucht, wird es dem Kopfsalat Antoines entsprechend wirr und abschweifend. Der Autor versteht es ganz hervorragend, die Situation, in der sich ein zwölfjähriger Junge in solch einer Ausnahmesituation befinden muss, zu erfassen und rüberzubringen. Nach den Ereignissen im Jahre 1999 vollführt Lemaitre noch zwei Zeitsprünge, und zwar in die Jahre 2011 und 2015. Für diese beiden Zeitebenen hat er noch einige intelligente Wendungen in petto und lässt den Hörer mit offenem Mund zurück. Diese Meisterschaft, verblüffen und überraschen zu können, ohne plumpe Tricks aus dem Hut zaubern zu müssen, macht eben große Schriftsteller aus, zu denen Lemaitre mit Fug und Recht gehört.

Als Hörer durchläuft man während der Geschichte ein Wechselbad von Zu- und Abneigung gegenüber Antoine. Ist man anfangs noch geneigt, mit dem Schicksal zu hadern, - schließlich hat ein unbedachter Moment das ganze Leben eines jungen Menschen zerstört - erwischt man sich bei fortschreitender Handlung dabei, nicht mehr darauf zu hoffen, dass Antoine unbestraft davon kommen möge. Im ganzen Gefühlschaos Antoines wird immer deutlicher, dass Kälte und Hass einen nicht unerheblichen Platz darin einnehmen. Am Ende des Hörbuchs ist man erstaunt darüber, dass es Lemaitre gelungen ist, eine solch vielschichtige Lebensgeschichte mit ganz viel Tiefgang in knapp sechseinhalb Stunden erzählen zu können. Auch das zugrundeliegende Buch liegt mit gerade einmal 250 Seiten eher am unteren Ende, was den Umfang belletristischer Literatur betrifft. Lemaitre hat in "Drei Tage und ein Leben" tatsächlich kein Wort zu viel verwendet und jedes Wort, das er gewählt hat, sitzt.

Christoph Mahnel
23.10.2017

 
Diese Rezension bookmarken:

Das Buch:

Pierre Lemaitre: Drei Tage und ein Leben. Aus dem Franzsischen von Tobias Scheffel

CMS_IMGTITLE[1]

Sprecher: Torben Kessler
Berlin: Der Audio Verlag 2017
Spielzeit: 389 Min., 19,95
ISBN 978-3-7424-0187-8

Diesen Titel

Logo von Amazon.de: Diesen Titel können Sie über diesen Link bei Amazon bestellen.