Hrbcher

Kings und Nathans Meisterwerk

Stephen King lässt sich zweifelsohne als lebende Legende bezeichnen. Der Schriftsteller hat in den letzten vier Jahrzehnten unzählige Bestseller verfasst, so dass jeder Freund der gepflegten Spannungsliteratur mindestens einmal in seinem Leben mit Kings Romanen in Berührung gekommen ist. Während er in den letzten Jahren ein wenig altersmilde mit seinen Lesern geworden zu scheint und nicht mehr so intensiv die Tasten auf der Klaviatur des Horrors drückt, waren seine ersten Werke in den Siebzigern und Achtzigern richtiggehende Schocker. Bei der Nennung ihrer Favoriten werden Kings Leser ob der breiten Klasse seiner Werke sicherlich viele unterschiedliche Bücher nennen, doch gibt es einen Roman, der aus dieser Fülle nochmals heraussticht und das trotz seines bescheidenen, nur zwei Buchstaben umfassenden Titels: "Es" bzw. "It" als Titel des englischen Originals.

Bereits 1986 war "Es" von King geschaffen worden. Bekannt ist jedem, der sich damals schon für Bücher interessierte, sicherlich noch die Jumbo-Ausgabe aus dem Heyne-Verlag, die sich aufgrund des mächtigen Umfangs und des knallroten Einbands mit der schwarzen und weißen Schrift so markant als Bild in den Köpfen festsetzte. Sagenhafte 1536 Seiten umfasst Kings Meisterwerk, doch niemand ließ sich von diesem Berg an Lesearbeit abschrecken. Stattdessen verschlangen die infizierten Leser "Es" und können sich auch heute noch ganz genau an die Begebenheiten im Buch und ihre persönlichen Umstände rund um dieses monströse Leseerlebnis erinnern. Kein Wunder also, dass sich rasch Filmemacher an dieser Geschichte versuchten. Eine erste Verfilmung erschien dann im Jahre 1990, doch konnte sie dem Buch bei weitem nicht das Wasser reichen. Maximal Tim Currys Auftritte als Clown Pennywise mögen dem einen oder anderen im Gedächtnis haften geblieben sein.

In diesem Jahr wurde schließlich ein zweiter  Anlauf gewagt. Mit vielen Vorschusslorbeeren ging im vergangenen Monat der erste Teil einer zweiteiligen Neuverfilmung an den Start. Die Einspielergebnisse an den Kinokassen und die Stimmen von Kritikern und Kinobesuchern legen den Schluss nahe, dass mehr als dreißig Jahre nach Erscheinen des Buchs die Geschichte endlich einen angemessenen Weg auf die Leinwand gefunden zu haben scheint. Im Zuge dieser Neuverfilmung wagte sich der Münchener Hörverlag daran, die Buchvorlage als Hörbuch lesen zu lassen. Aus über 1500 Seiten wurden schließlich knapp 52 Stunden Laufzeit, die mit David Nathan am Mikrofon allerdings wie im Fluge vergehen, genauso wie einst vor vielen, vielen Jahren die Stunden mit dem roten Buch in der Hand.

Die Geschichte hinter Kings Meisterwerk dürfte vielen bekannt sein: Man schreibt das Jahr 1958, als das Böse die fiktive Kleinstadt Derry heimsucht. Dort leben sieben Jungen, die sich zusammengeschlossen haben, um sich gegen ihre Peiniger und schließlich "Es" zu erwehren. Das Böse ist in der Lage, einer Person in Gestalt ihrer größten Angst zu erscheinen, meistens jedoch in Form des Clowns Pennywise, den man für gewöhnlich gedanklich mit "Es" verknüpft hat. Es stellt sich heraus, dass das Böse alle 27 Jahre Derry heimsucht. Anno 1958 war es den sieben Protagonisten lediglich gelungen, "Es" zu verletzen, so dass es nach Adam Riese 1985 wieder auftaucht und Schrecken und Tod mit sich bringt. Da die Jungen sich geschworen hatten, dann wieder in Derry zusammenzutreffen, um sich "Es" zu stellen und zu besiegen, kommt es schließlich nach 27 Jahren zum finalen Showdown.

King nimmt sich in seiner breit angelegten Erzählung alle Zeit der Welt, seine Protagonisten zu entwickeln, wobei er das Element des Bösen latent bereithält, um erst Nadelstiche zu setzen und später dann mit voller Gewalt zuzuschlagen. Dieses Patentrezept seiner frühen Horror-Romane hat er in "Es" zur Meisterschaft gebracht. Darüber hinaus entfaltet er seine Geschichte auf zwei Zeitebenen, was ihm den Raum gibt, seine Hauptfiguren vom Kindes- ins Erwachsenenalter zu überführen. Das vorliegende Hörbuch übt trotz der zunächst abschreckend klingenden Laufzeit von über 50 Stunden - es ließe sich beispielsweise gerade so auf einer Autofahrt von Frankfurt nach Moskau und wieder zurück hören - eine Sogwirkung aus. Und dann ist da mit David Nathan auch noch der Haus- und Hofsprecher des Hörverlags, der schon so viele King-Romane brillant eingelesen hat und in "Es" selbst sein Meisterstück abliefert. Nathan macht mit seiner Stimme den Horror in "Es" hörbar, so dass dieses Hörerlebnis unbedingt vor dem anstehenden Kinobesuch genossen werden sollte.

Christoph Mahnel
16.10.2017

 
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Das Buch:

Stephen King: Es. Aus dem Amerikanischen von Alexandra von Reinhardt, Joachim Krber. Bearbeitet und teilweise neu bersetzt von Anja Heppelmann

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Sprecher: David Nathan
Mnchen: Der Hrverlag 2017
Mnchen: 3112 Min., 13,95
ISBN: 978-3-8371-4052-1

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