Bildbnde

Damals in Hibbdebach und Dribbdebach

Jeder fängt mal klein an. Selbst die Bankenmetropole Frankfurt, heute eines der größten Wirtschaftszentren in Deutschland, war vor gut anderthalb Jahrhunderten trotz seiner bereits enormen geschichtlichen Bedeutung als Kaiserstadt immer noch ein kleines Nest - zumindest aus heutiger Sicht. Während Frankfurt dieser Tage offiziell zwar auch nur etwas mehr als 700.000 Einwohner zählt, sich an Werktagen ob der Pendlerscharen aber locker zur Millionenstadt aufbläht, waren es zu Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gerade einmal sechzigtausend Menschen, die die Stadt am Main bevölkerten. Doch prägten zu dieser Zeit bereits viele Gebäude und Kirchen das Bild einer schmucken Altstadt, die später dem Feuersturm des Zweiten Weltkriegs zum Opfer fallen sollte und heutzutage mit großem und vor allem finanziellem Aufwand wiederhergestellt wird.

Mit der Erfindung der Fotographie durch den Franzosen Daguerre im Jahre 1839 konnte die Welt dank dauerhafter Bilder erstmals konserviert werden. Die Stadt Frankfurt wusste mit dem 1827 ebenda geborenen Carl Friedrich Mylius glücklicherweise einen deutschen Pionier der Fotographie in ihren Reihen. Mylius wurde nach seinen Ausbildungs- und Wanderjahren in Nürnberg sowie anderen Städten Süddeutschlands ab 1854 wieder in seiner Geburtsstadt sesshaft und schwang gleichsam zum ersten Stadtfotographen Frankfurts auf. Über viele Jahre hinweg dokumentierte er den Wandel und Aufstieg seiner Stadt mit dem ihm eigenen Stil als Architektur- und Landschaftsfotograf.

Das vorliegende Buch aus dem Schirmer/Mosel Verlag, einem in Deutschland, ja in Europa einzigartigen Verlag, dessen Programm nahezu ausschließlich mit Fotografie-Büchern bestückt ist, widmet sich Mylius' fotografischem Lebenswerk. "Das alte Frankfurt am Main", so der Titel dieses Werks, präsentiert auf knapp 300 Seiten die bedeutendsten Fotografien des frühen Kamerakünstlers aus den Jahren 1855 bis 1890. Der Fotografie-Liebhaber Eberhard Mayer-Wegelin führt dabei die Feder für die wenigen, aber sehr aussagekräftigen Textpassagen und zeichnet für die Auswahl der dargestellten Bilder verantwortlich. Mayer-Wegelin zeichnet Mylius' Lebensweg nach und ordnet dessen Opus in verschiedene Kategorien und Epochen ein.

Der gemeine und in Frankfurt bewanderte Leser wird sogleich in den Bann gezogen, wenn er das vorliegende Buch, das trotz seiner knapp fünfzig Euro Kaufpreis jeden einzelnen Cent wert ist, erstmals aufschlägt. Bilder von Gebäuden, die der Krieg vernichtet hat, sorgen für nostalgische Momente bei jedem Umblättern. Zentrales Element in Mylius' Aufnahmen von Frankfurt war der Main, insbesondere das nördliche Mainufer, während das südlich Mainufer, das heutige Museumsufer und Aushängeschild des beliebten Frankfurter Stadtteils Sachsenhausen, hingegen noch in den Kinderschuhen steckte und kaum entwickelt war. Hibbdebach war Dribbdebach seinerzeit klar überlegen.

Zwei historische Stadtkarten, die im vorderen und im hinteren Buchdeckel abgedruckt sind, ermöglichen dem Betrachter eine präzise Navigation durch das historische Frankfurt, da der Kenner des modernen Frankfurt mitunter Probleme bei so manchem Abgleich der Aufnahmen mit den Straßenführungen im Hier und Jetzt haben wird. Der Höhepunkt von "Das alte Frankfurt am Main" ist zweifelsohne das 26-seitige Mainpanorama, das Mylius in den Jahren 1860 und 1861 durch wandernde Aufnahmen von Nord- wie Südseite des Mains zu einem 360-Grad-Blick auf Frankfurt verarbeitet hat. Der Autor Mayer-Wegelin findet bei den Bildunterschriften zu den zahlreichen Aufnahmen einen gesunden Mittelweg, indem er, ohne ausufernd zu werden, kurz und knapp die elementaren Informationen zu den jeweiligen Bildern liefert.

Dieser opulente Bildband setzt sich am Ende sogar über die Stadtgrenzen Frankfurts hinweg. Mylius hat nämlich auch den naheliegenden Taunus in Szene gesetzt und von Städten wie Königsstein oder Bad Soden beziehungsweise vom Großen Feldberg Aufnahmen gemacht, die für diese Orte die allerersten Fotografien bedeuteten. Ansonsten jedoch fungieren neben dem Main der Dom sowie die zahlreichen Kirchen und Türme von Frankfurt als Orientierungspunkte. Dank den beiden Herren Mylius und Mayer-Wegelin hat das alte Frankfurt ein wunderschönes Gesicht erhalten, das jeden Liebhaber der Stadt am Main verzaubert. Selten hat ein Buch einem so sehr das Gefühl gegeben, eine Zeitreisekapsel bestiegen zu haben. Und garantiert werden beim nächsten Spaziergang am Main, über die Zeil oder den Römerberg die Blicke völlig anders als bisher über die Gebäude hinwegschweifen.

Christoph Mahnel
09.03.2015

 
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Das Buch:

Eberhard Mayer-Wegelin: Das alte Frankfurt: Photographien von 1855-1890 von Carl Friedrich Mylius

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Mnchen: Schirmer/Mosel Verlag 2014 260 S., 49,80 ISBN: 978-3-829-60682-0

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