Neue Rezensionen

Belletristik


Die Macht des Verdrängens: «Liebe und andere Versprechen»


Andrea Bajani hat sich in Italien mit seinen Romanen «Mit herzlichen Grüßen» und «Lorenzos Reise» einen Namen gemacht. Mit seinem dritten Werk «Liebe und andere Versprechen» unterstreicht er einmal mehr seinen Ruf als Meister feinfühliger Belletristik. Blinde Flecken in der Vergangenheit und die Macht des Verdrängens - das sind die Themen seiner neuen Familiengeschichte. - Der Ich-Erzähler Pietro ist gerade von seiner Liebe Sara verlassen worden. Dann erfährt er, dass sein Großvater Mario gestorben ist. Der ehemalige Russlandkämpfer wurde von der Familie totgeschwiegen, ja sogar in ein Irrenhaus weggesperrt. Mario hat nur vage Erinnerungen an den etwas beängstigenden «Knochenmann». Aus Papierschnipseln und Erinnerungen eines anderen Russlandsoldaten fügt er das zerbrochene Leben des Großvaters wieder zusammen. Am Ende begibt er sich selbst auf Spurensuche nach Russland. - Ein ernstes Thema wird hier nicht nur schnörkellos, sondern mit erstaunlicher Leichtigkeit von Andrea Bajani aufbereitet. (Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 340 Seiten, 14,90 Euro, ISBN 978-3-423-24918-8) 

Historischer Krimi im Künstlermilieu: «Der Augentäuscher» 

Eine geschwärzte Metallplatte aus dem 17. Jahrhundert bringt einen verkrachten Kunstwissenschaftler auf die Spur des Malers Silvius Schwarz, der möglicherweise schon im Barockzeitalter die Fotografie erfand. Die akribische Forschungsarbeit führt zurück in das Dresden des Jahres 1673. Damals wurde die Stadt von einer Mordserie erschüttert und der absonderliche Außenseiter Silvius Schwarz geriet unter Verdacht. - Der «Augentäuscher» von Mathias Gatza ist Kriminal-, Künstler- und Liebesroman in einem. Den drei Genres entsprechen ebenso viele Erzählebenen:  Der fiktive Herausgeber tritt als Kommentator auf, der Setzer Leopold schildert die Geschichte von Silvius Schwarz als Zeitzeuge, dazu kommt ein eingeschobener Briefroman. Das breitgefächerte Panorama des Romans führt leider dazu, dass er nicht allen Ansprüchen gleichermaßen genügt. Als Roman der Kunstgeschichte mag er funktionieren,  jedoch nicht als spannungsgeladene Erzählung mit fesselnden Figuren. (Graf Verlag, München, 384 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-86220-009-2) 

Beryl Bainbridges letzter Roman: «Die Frau im gepunkteten Kleid» 

Es wurde der letzte Roman der britischen Autorin Beryl Bainbridge (1934-2010), der Dame mit dem schwarzem Humor und der Vorliebe für große Schicksalsstoffe wie etwa Scotts gescheiterte Südpolexpedition oder der Untergang der Titanic. Auch «Die Frau im gepunkteten Kleid» spielt wieder vor einem dramatischen historischen Hintergrund, dem bewegten Sommer 1968. Die USA sind noch aufgewühlt von der Ermordung des Bürgerrechtlers Martin Luther King, und schon bald werden die tödlichen Schüsse auf Robert Kennedy fallen. In dieser Situation ziehen die Engländerin Rose und der zwielichtige junge Amerikaner Harold mit einem Wohnmobil durchs Land. Beide suchen den mysteriösen Dr. Wheeler, der in ihrem Leben eine entscheidende Rolle gespielt hat. Welche genau, das bleibt vage wie so vieles in diesem Roadmovie, das auch wegen seiner wenig charmanten Hauptfiguren eine gewisse Trostlosigkeit ausstrahlt. (Deutsche Verlags-Anstalt, München, 240 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-421-04537-9) 

Liza Marklund: «Weißer Tod» 

Die Journalistin Annika Bengtzon recherchiert in einem Mordfall, als sie die schockierende Nachricht erhält, dass die EU-Delegation, mit der sich ihr Mann Thomas gerade in Kenia aufhält, von Terroristen entführt wurde. Diese stellen kaum zu erfüllende Forderungen, und ein gnadenloser Nervenkrieg beginnt. - Die schwedische Erfolgsautorin Liza Marklund legt mit «Weißer Tod» einen weiteren Krimi um die Journalistin Annika Bengtzon auf. Das Geschehen wird abwechselnd aus der Sicht Annikas und ihres entführten Mannes Thomas erzählt. Aus diesem Wechselspiel der Nöte und Ängste sollte sich eigentlich eine spannende Handlung ergeben, aber leider plätschert die Geschichte eher vor sich hin. Für Nicht-Kenner der Serie ist außerdem das Beziehungsgeflecht der Personen etwas undurchschaubar, da immer wieder Bezüge zu früheren Romanen hergestellt werden. Fazit: Für Freunde der Serie vielleicht eine Pflichtlektüre, für Neueinsteiger eher nicht zu empfehlen. (Ullstein Verlag, Berlin, 384 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-550-08752-3) 

Irak und Bankenkrise - Robotham nutzt Topthemen als Thrillerbasis 

Die Krise im Irak und die der Banken haben die Welt erschüttert und tun es noch. Thrillerautor Michael Robotham nutzt beide Themen als Basis für sein neues Buch «Der Insider». Ein US-Journalist im Irak spürt einer Serie von Banküberfällen nach. Seine Recherchen führen ihn nach London - wo Ex-Polizist Vincent Ruiz ein Mädchen sucht, dass ihn mit einer üblen Masche ausgeraubt hat. Die junge Frau hat noch andere, tödliche Verfolger. Und Ruiz wird zusammen mit dem Psychologen Joe O'Loughlin zu ihren einzigen Beschützern. Es geht um viel Geld, die üblen Machenschaften einer britischen Bank und hochrangige Insider, die für die Wahrheit keinen Platz in der Öffentlichkeit sehen. Robotham gelingt es meisterhaft, kleine Puzzleteile zu einem erschütternden Bild zusammenzufügen. Zwar zeichnet sich früh ab, auf welches Ende der Thriller zusteuert, die ein oder andere Überraschung hat der Autor aber doch noch parat. (Goldmann Verlag, München 544 Seiten, 14,99 Euro, ISBN 978-3-442-31250-4)