Neuerscheinungen
Sachbuch vom 25. Juni 2012
Stéphane Hessel: «Empörung - meine Bilanz»
Mit seiner Streitschrift «Empört Euch» feierte Stéphane Hessel vor zwei Jahren einen Sensationserfolg. Das schmale Protestbuch des ehemaligen Résistancekämpfers erreichte eine Millionenauflage und wurde weltweit zu einer Art Bibel von Globalisierungsgegnern und Anhängern der Occupy-Bewegung. Jetzt hat der in Deutschland geborene frühere französische Diplomat ein weiteres Buch vorgelegt: «Empörung - meine Bilanz». Es ist mehr als ein Rückblick auf ein bewegtes und engagiertes langes Leben, es ist auch eine Auseinandersetzung mit den brennenden Themen der Gegenwart, die den 94-Jährigen noch immer umtreiben. So findet man darin Kapitel wie «Schluss mit der Oligarchie», «Demokratie und Ökologie» oder «Globalisierung und Freiheiten». Doch auch sehr persönliche Einsichten gewährt Hessel dem Leser, etwa wie er als 17-Jähriger von einer sehr viel älteren Frau in die Liebe eingeführt wurde, welche Rolle die Eifersucht in seinem Leben spielte und was die Poesie für ihn bedeutete. (Pattloch Verlag, München, 240 Seiten, 16,88 Euro, ISBN 978-3-629-13009-9)
Der verleugnete Großvater: Barbara Bronnens «Meine Väter»
Barbara Bronnen stammt aus einer schwierigen Familie. Ihr Vater, der Schriftsteller Arnolt Bronnen, war eine schillernde Gestalt, zunächst Anarchist, dann Goebbels-Freund, schließlich NS-Gegner und Kommunist. Um seine Karriere zu retten, verleugnete er während der Nazi-Zeit seinen jüdischen Vater und behauptete, illegitimer Sohn eines «arischen» Pfarrers zu sein. Schon in ihrem Roman «Das Monokel» hat Barbara Bronnen vor einigen Jahren ihrer schwierigen Familiengeschichte nachgespürt. Im Mittelpunkt stand darin allerdings die Auseinandersetzung mit ihrem Vater. In ihrem neuesten Buch «Meine Väter» geht es dagegen vor allem um ihren Großvater Dr. Ferdinand Bronner, der unter dem Namen Franz Adamus einer der ersten österreichischen naturalistischen Dramatiker wurde. Doch dieser Großvater war in den Erinnerungen der Enkelin kaum präsent, wurde systematisch totgeschwiegen. In ihrem Buch erzählt Barbara Bronnen von ihrer aufrüttelnden Spurensuche. Nach und nach deckt sie einen Abgrund von Täuschungen und Lebenslügen auf. (Insel Verlag, Berlin, 332 Seiten, 22,95 Euro, ISBN 978- 3-458-17534-6)
Ritter und Gotteskrieger: «Blutige Pilgerfahrt»
Die Zeitgenossen priesen den ersten Kreuzzug als ebenso fromme wie ritterliche Tat, ja als Wunder und göttliches Werk. Tatsächlich jedoch zog es viele abendländische Ritter aus weitaus profaneren Gründen ins Heilige Land. Sie waren nichts anderes als Beutemacher und Schatzräuber, die sich in der Ferne dafür entschädigen wollten, dass sie in ihrer Heimat vermeintlich zu kurz gekommen waren. In seinem Buch «Blutige Pilgerfahrt. Der Erste Kreuzzug ins Heilige Land» porträtiert Cay Rademacher jene bunte Schar von Rittern, Priestern und Abenteurern, die im Jahr 1095 dem Ruf des Papstes Urban II. folgte und nach Jerusalem aufbrach und dort ein neues Königreich errichtete. In lebendigem Reportage-Stil zeichnet der «Geo»-Redakteur die siegreichen Schlachten der Kreuzritter nach, aber auch ihre Niederlagen und Entbehrungen, bis schließlich Gottfried von Bouillon 1099 die Heilige Stadt eroberte. (Piper Verlag, München, 384 Seiten, 22,99 Euro, ISBN 978-3-492-05433-1)
Bekenntnisse eines Deutschtürken: «Man wird nie Deutscher»
«Man wird nie Deutscher» hat Ozan Ceyhun sein Buch genannt. Das klingt desillusioniert, ist aber nicht so gemeint. Vielmehr preist der türkischstämmige SPD-Politiker heute seine «mehrstaatliche Identität». Obwohl Ceyhun in Deutschland seinen Lebensmittelpunkt hat, ist er auch noch in der Türkei und in Zypern zu Hause. Doch nicht immer hatte er eine solch gelassene Sichtweise. In seinem Buch erzählt er, wie sehr es ihn irritierte, als Kanzler Gerhard Schröder ihn einmal fragte: «Sag mal, Ozan, warum haben Deine Landsleute eigentlich diesen Erdogan gewählt?» Bis dahin hatte sich Ceyhun nämlich als Deutscher betrachtet, hatte er die Staatsbürgerschaft doch längst erworben. In dem Buch lässt Ceyhun noch einmal sein Leben Revue passieren, von seiner Geburt in der Türkei während der Militärdiktatur, über seine Flucht nach Österreich bis zu seiner politischen Karriere in Deutschland bei den Grünen und schließlich der SDP, für die er im Europaparlament saß. Ein nachdenklich machendes Buch zum Thema Integration. (Rowohlt Taschenbuch Verlag, 192 Seiten, 12,99 Euro, ISBN 978-3-499-62819-1)
