Neuerscheinungen
Fotographie vom 11. Juni 2012
Magische Chemie - alte und neue Polaroid-Meisterwerke
Es war ein magischer Moment, wenn eine Sofortbild-Kamera ein sich langsam entwickelndes Foto ausspuckte. Die Firma Polaroid erzielte hohe Umsätze mit der Technik, viele berühmte Fotografen trugen mit einigen ihrer Bilder zur Polaroid Collection des Unternehmens bei. Deren europäischer Teil wurde vor einiger Zeit vor dem Ausverkauf gerettet, das Wiener Fotomuseum WestLicht übernahm ihn. Nach der Polaroid-Insolvenz übernahmen außerdem einige Enthusiasten eine Filmfabrik und bringen seit 2010 neues «altes» Filmmaterial heraus («The Impossible Project»). Damit ist die analoge Magie zurückgekehrt.
«From Polaroid to Impossible» ist eine Zusammenstellung zumeist alter, aber auch einer Auswahl von Bildern neuerer Herkunft. Fotos von Andy Warhol und Ansel Adams sind dabei, von Helmut Newton und Jan Saudek, Lennard Nielsson, Ralph Gibson oder Gunter Sachs. Eine Ausstellung der Bilder ist im NRW-Forum Düsseldorf bis zum 5. August zu sehen. (Hatje Cantz, 192 S., 230 farbige Abb., 39,80 Euro ISBN 978-3-7757-3221-5)
Heinrich Kühn und sein amerikanischer Kreis
Heinrich Kühn (1866-1944) gehört zu den Schlüsselpersonen der frühen europäischen Fotografie - obwohl er einer breiten Öffentlichkeit wenig bekannt ist. Er zählt zu den Vertretern des Piktoralismus: Diese Form der Fotografie zielte nicht darauf ab, ein authentisches Abbild der Realität zu schaffen. An die Stelle der perfekten Reproduktion tritt ein Bild, dass durch gezielte Weichzeichnung oder reduzierte Kontraste mehr den Eindruck von Gemälden oder Zeichnungen erweckt. Die Piktoralisten setzten zahlreiche Kunstdruck-Techniken ein, um das Motiv oder eine damit verbundene Stimmung zu inszenieren, der Arbeit eines Malers ähnlich.
Kühn gehörte auch zu den ersten, die mit dem aufwendigen Autochrom-Verfahren echte Farbbilder herstellten - statt monochrome Bilder nachträglich zu kolorieren. Der Künstler hatte Verbindungen zu den berühmtesten Vertretern dieses Faches in den USA - Alfred Stieglitz und Edward Steichen. Das Buch «Heinrich Kühn und sein amerikanischer Kreis» begleitet eine gleichnamige Ausstellung, die in der Neuen Galerie New York bis zum 27. August zu sehen ist. Der Band zeigt zahlreiche Bilder von Kühn, der informative Begleittext ordnet sein Werk ein. (Prestel Verlag, 132 S. 122 farbige und 30 s/w Abb., 39,95 Euro, ISBN 978-3-7913-5196-4)
Hommage an die erste Magnum-Frau: Eve Arnold
1951 wurde Eve Arnold (1912-2012) zur ersten Frau in der Fotoagentur Magnum. Auch heute vertritt die Kooperative nur 10 Frauen - 82 Künstler sind es insgesamt. In dem Buch «Hommage» sind viele ihrer wichtigsten Bilder zu sehen, auf einigen Textseiten von Arnold noch selbst erläutert. Eine kleine Auswahl ihrer Motive: Marilyn Monroe am Set, Joan Crawford beim Schminken, Ringer in der Inneren Mongolei, Clark Gable mit Zigarre im Mercedes-Coupé oder ein Neonazi-Führer am Rande einer Rede von Malcolm X. «Sie hatte ein besonderes Talent, das Vertrauen der von ihr Porträtierten zu gewinnen, ganz gleich, ob es sich um berühmte oder ganz gewöhnliche Leute handelte», schreibt Magnum-Kollege Elliot Erwitt.
Die Bilder weisen Arnold als genaue Beobachterin aus, beim Beobachten des Voodoo-Kultes in Haiti ebenso wie bei den seltenen Momenten, in denen sie in Afghanistan Frauen ohne Schleier zeigt. «Wenn sich ein Fotograf um die Menschen vor der Linse kümmert und mitfühlend ist, ist bereits viel erreicht. Der Fotograf ist das Instrument, nicht die Kamera», so zitiert Magnum Arnold. Die 120 Aufnahmen reflektieren ein halbes Jahrhundert Arbeit eines Ausnahmetalents. (Verlag Schirmer/Mosel, 184 S. 120 Bilder in Farbe und s/w, 39,80 Euro, ISBN 978-3-8296-0601-1)
Blick hinter den kommunistischen Vorhang
Ursprünglich studierte er Fotografie. In Nepal entdeckte er die Faszination für die Fotografie. Inzwischen ist Tomas van Houtryve vielfach ausgezeichnet und Mitglied der exklusiven Fotografenvereinigung VII. Für sein aufwendiges, sieben Jahre währendes Projekt «Geschlossene Gesellschaften» hat er in Nordkorea und Nepal, Vietnam und Laos, China und Kuba recherchiert. Zu seinen Bildern stellt er Reportagetexte, die von den Begegnungen während der Reise berichten.
In Kuba versuchen die Menschen, umgeben von zerfallenen Häuserzeilen, irgendwie einer Beschäftigung nachzugehen und ihre Existenz zu organisieren. Das Leben in Nordkorea erscheint in jeder Hinsicht bizarr, versteinerte Gesichter und militärische Uniformen prägen das Bild. Zu einigen Fabriken und Behörden bekam van Houtryve als erster westlicher Fotograf überhaupt Zugang. (Benteli Verlag, 288 S., zahlreiche Bilder, 46 Euro, ISBN 978-3-7165-1714-7)
«Streiflichter 1956-65» - Europa, wie es einmal war
Warschau, Tirana, Neapel, Peniscola (Spanien) und Sheffield - das waren zwischen 1956 und 1965 Stationen des deutschen Fotografen, Regisseurs und Schriftstellers Dirk Alvermann. In der dem Göttinger Steidl Verlag eigenen Druckqualität erscheinen seine fotografischen Streifzüge nun fast wie Abzüge vom Negativ. Die Fotos in dem Band «Streiflichter 1956-65» berichten in vielen Facetten vom Alltag der Menschen, die Alvermann besuchte.
Die Stahlstadt Sheffield erscheint auf den tonwertreichen, schwarzweißen Bildern bereits wie aus einer fernen, archaischen Vergangenheit. Brüchige Fassaden, winzige Wohnungen, einfachste Verhältnisse bestimmen die Fotos. Kinder, Passanten und Arbeiter nehmen den Fotografen durchaus wahr. In Neapel kam es zu einem überraschenden Rendezvous mit einem Mafia-Boss. Vier oder fünf Jahrzehnte sind seit den Aufnahmen vergangen. Alvermanns Rückblick auf ein vergangenes Europa ist bereits ein Stück Geschichte. (Steidl Verlag, 28 Euro, ISBN: 978-3-86930-450-2)
