Romane

Vergebens gewartet

In dem bisher vom Zweiten Weltkrieg größtenteils verschont gebliebenen Heidedorf Krahwinkel soll Anfang 1945 der letzte große Propagandafilm der Nationalsozialisten gedreht werden. Dem Regisseur Konrad Eisleben liegt kein detailliertes Drehbuch, sondern lediglich eine Skizze aus dem Propagandaministerium vor. Doch immerhin erhielt er seinen Auftrag direkt von Joseph Goebbels. Der Film soll der kriegsmüden und zusehends resignierenden deutschen Bevölkerung vor Augen führen, wie sich der gewonnene Krieg anfühlt. Ehemänner und Väter kehren heil nach Hause zurück und berichten von ihren siegreichen Schlachten gegen den Russen. Fingierte Aufnahmen zeigen dank technischer Tricks die stolzen Heimkehrer, wie sie mit dem Motorrad durch das erstrahlende Berlin fahren. Und schließlich hat sich für die Szene mit der großen Laudatio an die siegreichen Helden der Propagandaminister höchstpersönlich angekündigt.

Konrad Eisleben befindet sich im inneren Zwist: Zum einen weiß er, dass sämtliche Schauspieler, die er um sich geschart hat, nicht an der rapide bröckelnden Front den Alliierten zum Fraß vorgeworfen werden, doch zum anderen hadert er damit, Szenen auf die Filmrollen zu bannen, die völlig abseits jeglicher Realität sind. Diese innere Zerrissenheit sorgt allabendlich für heftige Diskussionen mit seiner Ehefrau Johanna, die eine der Hauptrollen im Film bekleidet. Auch die Riege der Darsteller macht es dem Regisseur nicht gerade einfach: Schwule Diven echauffieren sich über seine Regieanweisungen, linientreue Nazis monieren seine Unentschlossenheit, mit der er den Auftrag des Propagandaministeriums nur sehr zögerlich, aber dafür umso wankelmütiger umsetzt. Außerdem erscheint es immer zweifelhafter, ob Goebbels überhaupt noch Gefallen daran finden wird, in welche Richtung der Film sich mit fortschreitender Drehdauer entwickelt hat.

"Warten auf Goebbels", so lautet höchstpassend der Titel des neuesten Buches von Bernd Schroeder. Der Autor zahlreicher Romane und Immer-noch-Ehemann der Bücher-Queen Elke Heidenreich wurde selbst im Sommer des vorletzten Kriegsjahres geboren und besitzt so eine besondere Bindung zu den letzten Kriegsmonaten, in denen es nicht nur seinem Protagonisten Konrad Eisleben ums nackte Überleben ging. Diesem fiktiven Buch liegt allerdings eine wahre Geschichte zugrunde, die des letzten Propagandafilms "Das Leben geht weiter", der bis in den April 1945 hinein gedreht wurde, jedoch unvollendet und verschollen blieb. Dort war mit Heinrich George, Marianne Hoppe oder Gustav Knuth allerlei deutsche Schauspielkunst der damaligen Zeit am Start. Sicherlich hat es Schroeder sich nicht nehmen lassen, einige Bezüge zwischen seinen Darstellern und diesen Filmgrößen herzustellen.

In "Warten auf Goebbels" mixt der Autor drei verschiedene Ebenen ineinander: Kapitel mit Szenen des gedrehten Films und solche mit Porträts der Darsteller oder Begebenheiten aus deren Zusammenleben am Set garniert er mit sehr kurz gehaltenen Kapiteln, die historische Aussagen oder Berichte von Geschehnissen, insbesondere aus den letzten Monaten des Krieges, beinhalten. Dieser Ansatz führt dazu, dass das Buch auf weniger als 250 Seiten mehr als 120 Kapitel aufweist. Für den Lesefluss ist diese kleinteilige Zerstückelung nicht gerade von Vorteil. Darüber hinaus lässt es Schroeder sich nicht nehmen, die rund 20 Personen am Set alle in eigenen Kapiteln zu porträtieren, ohne dass die Informationen zu deren Vitae einen Beitrag zum Fortschritt der Handlung lieferten.

Das vorliegende Buch lebt vor allem von zwei Dingen, zum einen vom vergeblichen Warten auf Goebbels, zum anderen vom Kampf des Regisseurs mit sich selbst und von den Einfluss, den dieser innere Disput auf den Film selbst hat. Die Ideen Eislebens werden von Tag zu Tag absurder, die letztendlich sogar seine Frau vergraulen, bis am 1. Mai 1945 der Vorhang für "Krahwinkel" fällt, und zwar so kurz und knapp, wie die meisten der über 120 Kapitel gehalten waren. Was bleibt, ist mit "Warten auf Goebbels" ein Roman, der einem in fiktiver Form eine ganz große Groteske aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs vor Augen geführt hat.

Christoph Mahnel
03.04.2017

 
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Das Buch:

Bernd Schroeder: Warten auf Goebbels

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Mnchen: Carl Hanser Verlag 2017
240 S., 22,00
ISBN: 978-3-446-25452-7

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