Romane

Eine «erfundene Autobiografie»

Ein bekannter Schauspieler und Fernsehmoderator verschwindet plötzlich aus seiner Sendung. Sein Bruder macht sich auf die Suche, findet den Prominenten in einer Gemeinde in Nicaragua. Dort wird er Zeuge, wie der Bruder erschossen wird - kehrt zurück und nimmt die Stelle des Schauspielers ein. Was klingt, wie ein kniffliges Verwirrspiel zwischen Krimi und Abenteuerroman, sind die Lebenserinnerungen des Schauspielers, Moderators und Entwicklungshelfers Dietmar Schönherr. «Sternloser Himmel» heißt der Band, der jetzt bei Eichborn erschienen ist und in seiner Konstruktion immer wieder überrascht.

Schönherr selbst nennt das Buch eine «erfundene Autobiografie» - und weist damit schon darauf hin, dass er sich beim Erinnern nicht sklavisch an die Fakten seines bewegten Lebens gehalten hat. Es gibt Sprünge und Brüche in der Erzählung, Vorgriffe und Blindstellen. Die beiden Hauptfiguren, Daniel und David, sind Zwillinge, die in Wahrheit gar keine sind - und dieses Paradoxon ist nicht das einzige Rätsel, das Schönherr seinem Leser stellt. Da ist auch noch Birthe, die mit David verheiratet ist, am Ende aber mit Daniel weiter lebt, beide von Unfällen oder Krankheit schwer gezeichnet.

Ob Daniel und David zwei Seiten seiner Person sind, darauf will sich der Autor auch im Gespräch nicht festlegen. «Es sind Facetten meiner Person, aber auch Möglichkeiten», lässt er alle Deutungen offen. Geographisch zumindest spielt der Roman an jenen Orten, an denen auch er gelebt hat. Innsbruck, Potsdam, Managua und Zürich sind die wichtigsten Stationen dieser doppelten Lebensgeschichte.

Schönherr erzählt von einer Kindheit auf einer Alm bei Innsbruck, die jäh von den Ereignissen im Zweiten Weltkrieg beendet wird. Die Familie zieht mit dem Vater nach Potsdam, David wird für den Film entdeckt, spielt in einem Nazifilm mit und legt den Grundstein für seine spätere Karriere. Der erwachsene David macht Karriere in der Theater- und Medienszene, der erzählende Daniel erscheint als weniger erfolgreicher Lebemann, der immer wieder alte Autos zu Schrott fährt.

Zuerst in Selbstgesprächen, dann in tatsächlichen Unterhaltungen reflektieren die Figuren ihr Leben. Die Gespräche kreisen um die großen Lebensfragen, um Glaube und Religion, um Wahrhaftigkeit und Liebe - und nicht zuletzt um die Frage, was ein erfülltes Leben ausmacht. Schönherr beschreibt Momente voll großer Dramatik und fängt das Pathos mit einer unerwarteten Auflösung oder einer humorvollen Wendung wieder auf.

Es sind diese Gespräche, die das mögliche Innenleben des Dietmar Schönherr offen legen. Ein Leben als prominenter Medienstar, der doch dem Schein und der Schnelllebigkeit des Geschäfts mit Distanz gegenüber steht und sich schließlich zu einem ganz anderen Leben als Entwicklungshelfer in Nicaragua entschließt. «Sternloser Himmel» ist ein hintergründig poetisches, dabei humorvolles Puzzle, ein Versteckspiel mit offenen Karten, in dem sich der Autor gleichzeitig zeigt und verbirgt.

Irmgard Schmidmaier (dpa)
14.04.2006

 
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Das Buch:

Dietmar Schönherr:
Sternloser Himmel. Ein autobiografischer Roman

Bild: Buchcover Dietmar Schönherr, Sternloser Himmel. Ein autobiografischer Roman

Frankfurt/M.: Eichborn Verlag 2006
191 S., € 18,90
ISBN: 3-8218-09221

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