Romane

Der Tchtige ist der Dumme. Ein Arbeitstagebuch

Erhard Struwe nimmt sich in seinem Buch einem Phänomen an, das mittlerweile in vielen deutschen Betrieben und Unternehmen Einzug gehalten hat und dort als neues "Wunderwerk" zur Optimierung von Arbeitsprozessen und innerbetrieblichen Strukturen gefeiert wird: der Qualitätssicherung.

In Form von vielen Geschichten und protokollarischen Skizzen gibt der Autor einen spannenden Einblick in die Arbeitsbedingungen eines Industriebetriebes und scheut sich dabei auch nicht, Missstände beim Namen zu nennen, die Mitarbeiter oder das Management zu verantworten haben.

Zu Beginn seines Romans gibt Erhard Struwe einen fundierten Überblick zur Entstehung der Qualitätssicherung in der Produktion von den Anfängen in den USA bis zu den ISO-Normen in Europa und schließt an diesen Einstieg in die Thematik, die persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen des Protagonisten Ronald, die dem Werk als Grundlage dienen, an. Gleich zu Beginn stellt der Leser fest: Hier weiß einer, wovon er spricht. Der Autor hat sich merklich in die Materie "Qualitätssicherung" vertieft und erzählt darüber kenntnisreich und informativ in seinem Roman.

Ronald ist mit viel Leidenschaft für die Sache bei seiner Arbeit und "leidet" mitunter an dem großen Ganzen: der mangelnden Motivation und Kenntnis seiner Kollegen, an einem Betriebsklima, das von Intrigen und Desinteresse geprägt ist, unfähigen Führungsstrukturen, an einem Management, das an seinen Mitarbeitern, deren Vorschlägen und Einsatz für das Produkt, wenig Interesse zeigt und dadurch hohe Ausschusszahlen der Endprodukte, sogar Verluste in Kauf nimmt, um dem Eigenbild gerecht werden zu wollen. Der Protagonist versucht, durch sein Handeln die Qualität der Produktion zu verbessern und die Arbeit effektiver zu gestalten, doch er stößt bei seinen Vorgesetzten auf taube Ohren. Verbesserungsvorschläge werden ignoriert, sogar niedergeredet, um einer Totalitären ihren selbstzugedachten Platz nicht zu gefährden.

Trotz einer abgeschlossenen Ausbildung und eines auf eigene Kosten unternommenen Fernstudiums, erinnert der Protagonist ob der unterschiedlichsten Widerstände an einen Don Quijote der modernen Arbeitswelt. Wie schnell ein Arbeitnehmer in einem Betrieb, in dem es keine festen Strukturen gibt und die Kommunikation im Argen liegt, aus seinem Gefüge geraten kann und mit gesundheitlichen Einbußen konfrontiert ist, verdeutlicht der Autor zum Beispiel an der Unvereinbarkeit des Schichtsystems, in dem auch die Frau von Ronald eingebunden ist. Die Tatsache, dass unregelmäßige Arbeitszeiteinteilung, eine private Zeitplanung nahezu unmöglich macht, das die Zeiten so rigoros eingesetzt werden, das Ronalds Schwerhörigkeit nicht durchgehend behandelt werden kann, steht schon für sich. Genauso zeigen die beschriebenen Zustände, wenn zum Beispiel andere Kollegen "Wunscharbeitszeiten" bekommen, dass etwas Grundlegendes in diesem Betrieb nicht stimmt.

Dass auch keine Hilfe vom Betriebsrat, der gewählten Arbeitnehmervertretung, zu erwarten ist, erfährt der Protagonist in konkreten Fällen so erschreckend, dass man sich fragen muss, ob ein solches Verhalten die Regel in deutschen Betrieben sein kann. Erhard Struwe hat viel Mut aufgenommen, diesen Blick in einem Produktionsalltag so zu schildern, wie er das tut, er beschönigt nichts. Er spricht Dinge deutlich an, indem er sie detailliert aufzeigt. Wo bleibt da der Sinn der Qualitätssicherung, die auch etabliert werden sollte, um Arbeitnehmer innerhalb ihrer Abläufe und Prozesse Erleichterung und Effizienz zu verschaffen? Es bleibt nicht mehr als ein gutgemeintes Projekt. Getragen werden kann ein solches nur, wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmer an einem Strang ziehen.

Erhard Struwe beschreibt anhand klarer und eingängiger Worte die Lage im Innern eines Betriebes, dessen Entwicklung letztlich an das Miteinander seiner Angestellten - Management und Arbeiter - gebunden ist. Für den authentischen Einblick, der sich nicht scheut, Missstände und Defizite anzusprechen, gebührt dem Autor großer Respekt!

Hugo Meyer  
23.03.2015


Die Lesung im Deutschen Literaturfernsehen finden Sie hier.

 
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Das Buch:

Erhard Struwe: Die moderne Funktion der QS. Existenz der Quacksalber

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Frankfurt: August von Goethe Literaturverlag 2014
485 S., 27,80
ISBN: 978-3-8372-1335-5

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