Romane

„Stell dich nicht so an!“

Immer wieder hört das Kind Elisabeth in dem Buch "Der Gesang der Schranktür" von Dorothea Speyer-Heise diese Worte aus dem Mund seines Vaters. Sie verfolgen es bis in seine Zeit als Studentin. Als der Vater viele Jahre später einen Schlafanfall erleidet, besucht ihn Elisabeth regelmäßig. Jetzt beginnt die eigentliche Erzählung, in deren Mittelpunkt die Kindheit bis zum Schuleintritt und die Studienzeit stehen. Dabei wird in drei Kapiteln wechselnd aus beiden Lebensabschnitten erzählt. Zunächst stehen die Besuche von Elisabeth bei einem Therapeuten im Vordergrund, den sie nach vier Semestern Jurastudium aufsucht, um für sich zu ergründen, wie es möglich war, dass ihre Eltern ihr in gewisser Weise die Kindheit vergiftet haben. Noch immer mangelt es ihr an Selbstbewusstsein und sie konnte sich von der Kindheit nicht lösen. Elisabeth wächst in der Nachkriegszeit auf. Sie wohnt mit der Schwester Agnes und den Eltern in sehr beengten Verhältnissen in einer Wohnung in der oberen Etage des Finanzamtes, in dem der Vater arbeitet.

Oft liegt das Kind im Bett und kann nicht schlafen und hört dann die Schranktür, wenn die Mutter sie öffnet und schließt. Sie macht je nach Stimmung unterschiedliche Geräusche, zum Beispiel traurig, quietschend oder singend. Mit diesen Bewegungen der Tür sind oft auch besondere Ereignisse verbunden, wie etwa ein unverhoffter Besuch oder eine Feier, so dass aus dem Schrank gesonderte Wäsche entnommen werden muss. Das erste Kapitel des Buches endet mit einem erneuten Blick ins Krankenhaus und der Feststellung: "Ein Leben ohne den Vater - das konnte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen. Als Kind hatte sie ihn viele Male weit weg gewünscht, aber jetzt?" (S. 209) Zu Beginn des zweiten Kapitels steht Elisabeths Wechsel des Studienorts von Marburg nach Kiel im Mittelpunkt. In Kiel studiert ihre Schwester Agnes Medizin. Elisabeth will mit der Schwester gemeinsam wohnen und in Kiel weiter studieren, denn damit ist sie ihrem Freund Michael näher, der in Hamburg studiert. Sie reist zu den Eltern, damit sie dort ihr Zimmer räumt und einige Sachen mitnehmen kann. Besonderen Wert legt sie auf den alten Kleiderschrank mit seiner "Stimme", der für sie unverzichtbar ist.

Auch als Studentin vermisst Elisabeth Anerkennung und Aufmunterung durch den Vater, was ihr besonders wehtut. Dabei ist sie schon als Kind sehr wissbegierig, hinterfragt alles, auch die alltäglichen Redewendungen, erntet dann allerdings oft nur ein Lachen. Oft erscheint dem Kind das Gejammer der Eltern unerträglich, die immer wieder betonen, dass sie viel schlimmere Zeiten hinter sich haben. Für den Vater sind die Treffen mit den Kriegskameraden der jährliche Höhepunkt. Schließlich gewinnt Elisabeth doch Freunde, denen sie sich anvertrauen kann. Auch ihr Examen besteht sie mit Bravour. Sie sagt: "Im Grunde ging es mir wohl nur darum, mit dem ins Reine zu kommen, was mir meine Eltern von ihren Kriegserfahrungen aufgebürdet hatten. Davon wollte ich mich befreien, und das ist mir ja mittlerweile auch weitgehend gelungen." (S. 384)

Der Vater erwacht endlich aus dem Koma. Elisabeth hat immer wieder an seinem Bett gesessen und begrüßt ihn mit "Willkommen im Leben, Papa!" Dieser Ausblick auf ein neues Leben ist gleichzeitig der Blick von Elisabeth in die Zukunft. Sie betreibt inzwischen gemeinsam mit Michael eine Kanzlei und beide erwarten ihr erstes Kind. Die Autorin erzählt von der Kindheit, indem sie immer von dem Kind spricht und die Handlung in die Gegenwart verlegt. Die Zeit als Studentin wird in der Vergangenheit und jetzt immer aus der Sicht von Elisabeth erzählt. In allen Kapiteln des Buches ist in gleicher Weise die wörtliche Rede dominant, was dem Geschehen Lebendigkeit verleiht.

Mit "Der Gesang der Schranktür" liegt eine Erzählung vor, die durch ihre Vielschichtigkeit besticht. Sie überzeugt mit dem intensiven Beschäftigen mit der Frage, was unsere Kindheit dominiert und der Hinwendung zu der Betrachtung, welchen Einfluss die schlimmen Kriegsjahre auch auf die nachwachsende Generation gehabt haben können.

Dr. Helga Miesch
22.04.2014


Die Lesung im Deutschen Literaturfernsehen finden Sie hier.

 
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Das Buch:

Dorothea Speyer-Heise: Der Gesang der Schranktür

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Frankfurt am Main: August von Goethe Literaturverlag
374 S., € 24,80
ISBN: 978-3-8372-1414-7

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