Romane

Was erlauben Pittilanga?

Fernando, Mauricio und Ruso haben gerade ihren Freund Mono zu Grabe getragen. Von Kindesbeinen an waren die vier Jungs beste Freunde, doch nun hat bereits in den besten Jahren das Schicksal einen aus ihrer Mitte herausgerissen. Mono hinterlässt mit Guadalupe eine Tochter, deren finanzielles Erbe am seidenen Faden hängt. Dieses steckt nämlich in den von Mono erworbenen Transferrechten eines Fußballers, der gerade mehr schlecht als recht in der dritten argentinischen Liga kickt. Sollte nicht innerhalb kürzester Zeit ein kleines Fußballwunder geschehen, würde sich Monos geplante finanzielle Absicherung für Guadalupe in Luft auflösen.

Mario Juan Bautista Pittilanga ist der Name des Stürmers, der einst mit der argentinischen Jugend-Nationalmannschaft bei der U17-Weltmeisterschaft in Indonesien teilgenommen und als hoffnungsfroher Kicker gegolten hatte. Mono hatte im Gefühl einer sicheren und renditebringenden Wertanlage für 300.000 Dollar die Transferrechte für Pittilanga erworben, die sich dann - so sein Plan - bei einem Wechsel nach Europa vervielfachen könnten. Doch weitgefehlt, Pittilanga scheint beim Eintritt in den Erwachsenenfußball zu stagnieren. Sein Heimatverein Platense, ein Zweitligist, verleiht ihn gar in die dritte Liga, wo er entgegen der allgemeinen Erwartung auch nicht glänzen kann. Sollte die Ausleihe zu Ende gehen und Platense ihm zum Vertragsende die Freigabe erteilen, wären Monos einst erworbenen Transferrechte keinen Cent mehr wert.

Für Fernando, Mauricio und Ruso ist die Sache klar: Sie müssen sich umgehend ins Fußball-Geschäft stürzen und Monos Erbe retten. So begeben sie sich fast wöchentlich ins mehr als tausend Kilometer entfernte Mitre, wo Pittilanga seinen unansehnlichen Stiefel kickt. Dort drehen und schneiden sie Videos mit den besten Szenen Pittilangas, doch will sich einfach kein Interessent für Pittilanga finden. Bis Ruso eines Tages beim Spielen mit der Playstation die geniale Einfall kommt, wie aus Pittilanga doch noch ein Fußballer werden kann, der sich für viel Geld weiterverkaufen lässt. Doch bis dahin sind noch einige krumme Deals einzufädeln und haben die drei Freunde so manche interne Zerreißprobe zu bestehen.

"Vier Jungs auf einem Foto" aus der Feder des argentinischen Geschichtsprofessors Eduardo Sacheri ist nicht dessen erster literarischer Erfolg hierzulande. Mit seinem Roman "In ihren Augen" und insbesondere mit der nachfolgenden Verfilmung auf Basis seines Drehbuchs konnte vor drei Jahren der Oscar für den besten fremdsprachigen Film eingeheimst werden. Sein ebenfalls in deutscher Übersetzung erschienenes Buch "Die Hand Gottes und andere Tangos", das mit einigen Kurzgeschichten rund ums runde Leder daherkommt, weist bereits in die Richtung, in der nun "Vier Jungs auf Foto" in voller Romanlänge spielt.

Bei der vorliegenden Geschichte der drei Freunde mag man sich zunächst einmal an die deutsche Filmkomödie "Fußball ist unser Leben" mit Uwe Ochsenknecht und Ralf Richter aus dem Jahre 1999 erinnert fühlen, in der ein paar Schalke-Fans ihrem schwächelnden argentinischen Stürmerstar Beine machen und ihn zu Höchstleistungen antreiben. Doch während diese Komödie mit ihrem Proleten-Charme kokettiert, liefert Sacheri mit "Vier Jungs auf einem Foto" eine nachdenklich stimmende und seriöse Geschichte über Freundschaften ab, die zugleich herzzerreißend wie auch hochgradig amüsant ist. Verzweifelt ob der fehlenden Talente Pittilangas und gleichzeitig inspiriert mit allen möglichen Ideen verlangt es den drei Freunden alles ab, was selbst beste Freundschaften an den Rand des Wahnsinns bringen kann.

Sacheri erzählt neben der eigentlich Geschichte, die am Grabe Monos beginnt, parallel in Rückblenden die Entwicklung der Freundschaft zwischen den vier Jungs von Kindestagen an bis hin zu den wegweisenden Momenten in ihrem Heranwachsen und Erwachsensein. Damit der Leser dies richtig einzuordnen weiß, sind diese Passagen in Kursivschrift gehalten. Die vier Jungs teilen sämtliches Freud und Leid miteinander. Neben der bedingungslosen, beinahe kindlichen Freude am Fußball, die allen Vieren gemein ist, haben sie jedoch auch allesamt in ihren Ehen tiefe Täler zu durchschreiten.

"Vier Jungs auf einem Foto" ist ein amüsanter, nachdenklich stimmender Roman für Männer mit einem gewissen Faible für Fußball und einem Hauch Sensibilität. Man hat das Gefühl, die "Kirschkernspuckerbande" sei nach Argentinien verpflanzt worden und treffe dort die Schalke-Fans aus "Fußball ist unser Leben". Bis zum Schluss erscheint die Situation der drei Hinterbliebenen aussichtlos, so dass man als Leser ihnen liebend gerne unter die Arme greifen möchte, aber nicht weiß, wie. Sacheri entlässt seine Leser jedoch nicht ohne ein passendes Finale, das wie das gesamte Buch schlicht erstligareif ist.

Christoph Mahnel
16.09.2013

 
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Das Buch:

Eduardo Sacheri: Vier Jungs auf einem Foto. Aus dem Spanischen von Matthias Strobel

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Berlin: Bloomsbury Verlag 2013
384 S., 19,99
ISBN: 978-3-8270-1111-4

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