Romane

Ein atemloser Wettlauf von Erinnerung und Gegenwart

Man ist sofort drinnen im Geschehen. Eine Geiselnahme in einem Hamburger Kaufhaus, ein Journalist, der beauftragt wird über dieses Ereignis zu berichten und eine erste Meldung der Deutschen Presseagentur, die nicht mehr als einige wenige Fakten über das Verbrechen liefert. Michael Mammen arbeitet bei einer großen Hamburger Illustrierten namens Arena und ist die Hauptfigur des Romans. Was für den hartgesottenen Chefreporter zunächst wie ein ungeliebter, aber nicht übermäßig dramatischer Job aussieht, wendet sich alsbald zum ganz persönlichen Drama von Mammen.

Als die Geiselnehmer mit ihren Geiseln aus dem Kaufhaus stürmen, um mit den bereitgestellten Fluchtfahrzeugen zu entkommen, bemerkt der Reporter Mammen, daß seine neunjährige Tochter Tammy unter den Geiseln ist. Die Jagd beginnt nach den Geiselgangstern, seiner Tochter, den Verbindungen zwischen aktuellem Geschehen und seiner Person, die Jagd nach der Erinnerung an Ereignisse in der Vergangenheit.

Vergangenes und Gegenwärtiges werden verwoben

Von nun an wird der Leser hin und her geworfen zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Drei Geschichten aus dem Reporterleben des Michael Mammen, die drei, sechs und elf Monate zurückliegen, bilden die Grundlage für die Erinnerung des Journalisten. Während die Rückblicke chronologisch immer weiter in die Vergangenheit zurückgehen, bringen sie die Erinnerung immer näher an das aktuelle Geschehen heran. Die Geschichten entfalten sich dabei nur bruchstückhaft. Immer wieder werden sie unterbrochen, damit die Verfolgung der Geiselnehmer weiter erzählt werden kann. Auf diese Weise gelingt es dem Autor Hans-Hermann Sprado die Jagd nach der Erinnerung und die Jagd nach den Geiselnehmern miteinander zu verweben.

Der Leser kann in einen Journalisten-Thriller eintauchen, in dem Reportergeschichten aneinandergereiht werden, die sich durch eine außergewöhnliche kriminalistische Dramatik auszeichnen. Wohl zuviel für ein einziges Reporterleben, wie es einer Stelle des Textes vielleicht etwas selbstironisch bemerkt wird.

Einblicke in die Psyche des Journalisten

Als Thriller ist der Roman reich an spannungsgeladenen Episoden, die sich in einem atemberaubenden Tempo nacheinander und miteinander verwoben abspulen. Zugleich ist der Roman aber auch als "Schnellkurs im Journalismus" zu lesen, wie es der Literaturkritiker Denis Scheck auf dem Umschlagstext zu recht bemerkt. Detailliert und ausführlich, aber unaufdringlich, wird die Arbeit der Text- wie Fotojournalisten immer wieder beschrieben und durch Einschätzungen zum Zustand des Journalismus komplettiert.

Der hartgesottene Journalist Mammen wird durch seine Verwicklung in die Geiselnahme selbst Teil der Berichterstattung. Bemerkenswert ist der ständige Wechsel im Verhältnis unter den Journalisten. Mal ist Mammen der Kollege, dem man selbstverständlich hilft, mal ist Mammen ebenso selbstverständlich begehrtes Objekt der Geschichte, aus dem man auch in unpassenden Momenten Informationen herausquetschen will. Besonders in diesen Momenten wird das Psychogramm des Journalisten, das Sprado, selbst Journalist, entwirft, deutlich.

Tatsachen und Fiktion sind die Grundlage des Romans

Die Handlung des actiongeladenen Thrillers wird durch die in der Gegenwart stattfindende Geiselnahme im Hamburger Alsterhaus und den drei Reportagereisen des Romanhelden Mammen getragen, die er mit seinem Fotografenfreund Stefan Pfaller unternommen hat. Die erste führt in das Nachwende-Deutschland und hat eine Recherche über Waffenkäufe von der russischen Armee zum Gegenstand, bei der auch die japanische Yakuza eine Rolle spielt. Die zweite Reise führt nach Rio de Janeiro wo die berühmt-berüchtigte KZ-Ärztin Alma Höss und ihre Tagebücher aufgespürt werden sollen. In Berlin wird dann im Milieu eine Geschichte recherchiert, in die der zwielichtige Berliner Abgeordnete Waldemar Schreckenbach verwickelt zu sein scheint.

All diese Ereignisse haben so irgendwie tatsächlich stattgefunden. Das Verhältnis zwischen Fakt und Fiktion soll, so der Autor Sprado in einem Interview, etwas 70 zu 30 betragen (Das Interview finden Sie im Krimi-Forum unter: http://www.krimi-forum.de/Datenbank/Interviews/fi001590.html). Der Journalist will aber ausdrücklich offen lassen, ob sich der größere Anteil des Romans auf Fakten oder Fiktionen stützt. Dem recherchefreudigen Leser mag das Buch so Ausgangspunkt zur Beschäftigung mit zeitgeschichtlichen Ereignissen sein. Dem kriminalistisch interessierten Rezipienten wird die Bewertung von Indizien über den Zusammenhang zwischen Gegenwart und Vergangenheit Freude machen. Alle Leser gemeinsam werden sich schwerlich dem Sog der rasanten Erzählweise entziehen können, die zielgerichtet und auch abrupt endet. Einzig der Titel "Risse im Ruhm" zusammen mit der Betonung im Klappentext, daß Michael Mammen gezwungen wird, sich mit den "Verfehlungen seines Lebens" auseinander zu setzen, verweist auf eine Dimension des Romans, die sich nicht unbedingt erschließt.

Sascha Müller
01.08.2005

 
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Das Buch:

Hans-Herrmann Sprado: Risse im Ruhm

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Mnster: Solibro-Verlag 2005
299 S., 19,90
ISBN: 3-932927-26-5

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