Romane

Armes reiches Mädchen

Erst vor wenigen Jahren begannen deutsche Verlage, die Romane und Kurzgeschichten der französischen Schriftstellerin Irène Némirovsky zu übersetzen und zu verlegen. Die 1903 in Kiew geborene, später nach Paris geflohene und 1942 nach Auschwitz deportierte Autorin ist hierzulande vor allem für ihre Familiensaga "Die Familie Hardelot" und ihren unvollendeten Roman "Suite française" bekannt. Mit "Die süße Einsamkeit" ist nun ein weiterer Roman erschienen, der seit seiner Erstveröffentlichung 1935 erstmals auf Deutsch übersetzt wurde.

Hélène ist die Tochter einer großbürgerlichen Familie aus der ukrainischen Provinz. Als einziges Kind der Eheleute Karol wird sie von der französischen Gouvernante Mademoiselle Rose aufgezogen. Die Gouvernante ist es auch, zu der Hélène Vertrauen aufbaut und bei der sie die Geborgenheit findet, die ihr ihre selbstverliebte und kaltherzige Mutter nicht geben kann. Viel lieber, als sich um ihre Tochter zu kümmern, blättert Bella Karol in französischen Modemagazinen oder betrügt ihren häufig abwesenden Ehemann mit jüngeren Liebhabern.

Der Krieg und die Revolution zwingen die Familie bald zur Flucht. Zunächst raus aus der Provinz nach St. Petersburg, danach über Finnland nach Paris. In der französischen Hauptstadt kann Bella endlich ihrer Modeleidenschaft frönen und in dem Luxus schwelgen, von dem sie in der Ukraine immer geträumt hatte.

Hélènes Welt scheint völlig zusammenzubrechen, als die Mutter ihr den einzigen Halt in ihrem Leben nimmt: Sie entlässt Hélènes Gouvernante Mademoiselle Rose. Hélène schwört sich insgeheim, dafür an ihrer Mutter Rache zu nehmen. Ihre Schönheit und Jugendlichkeit machen es ihr leicht, den Liebhaber ihrer Mutter für ihre Rachepläne zu benutzen. Doch auch die befriedigten Rachegelüste können Hélène nicht das geben, was ihr in ihrer luxuriösen und doch so lieblosen Umgebung fehlt. Von dem übermütigen Mädchen über die schwermütige Heranwachsende bis zur jungen Frau ist es ein langer Weg, den Hélène meist auf sich allein gestellt gehen muss.

"Die süße Einsamkeit" porträtiert nicht nur den Mutter-Tochter-Konflikt mit feinem psychologischem Gespür, sondern liefert auch das Bild einer Gesellschaft, die im Umbruch ist und die einerseits in Armut versinkt, andererseits aber vor lauter Luxus die Probleme um sich herum nicht mehr wahrnimmt.

Die Geschichte der Hélène Karol weist einige deutliche Parallelen zu Némirovskys eigener Biografie aus. Auch sie wurde von einer französischen Gouvernante großgezogen und litt unter einer egozentrischen, kaltherzigen Mutter. Zusammen mit ihren Eltern floh sie vor der Oktoberrevolution ebenfalls nach Paris.

Die Gesamtauflage aller Werke Irène Némirovskys beläuft sich in Deutschland mittlerweile auf 400.000 Exemplare. Mit dieser brillanten Mutter-Tochter-Studie in Romanform sollte sich diese Zahl schnell erhöhen lassen. Die Herzen von Literaturfans schlagen nämlich immer dann höher, wenn vergessen geglaubte Schriftsteller wie Irène Némirovsky wiederentdeckt und ihre Werke für die Nachwelt verfügbar gemacht werden.

Sabine Mahnel
24.09.2012

 
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Das Buch:

Irène Némirovsky:
Die süße Einsamkeit. Aus dem Französischen von Susanne Röckel

Bild: Buchcover Irène Némirovsky, Die süße Einsamkeit

München: Knaus Verlag 2012
270 Seiten, € 19,99
ISBN: 978-3-8135-0377-7

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