Romane

Gold macht nicht glücklich

Arne Hansen scheint am Ziel seiner Träume. Als Schlagmann des Deutschland-Achters gewinnt er Gold bei den Olympischen Spielen, ein paar Jahre später erringt er im Vierer den Weltmeistertitel. Arne Hansen ist in diesen Jahren das Gesicht des deutschen und internationalen Rudersports, ein blonder Hüne jenseits der Zwei-Meter-Marke, ein Athlet, der laut Experten zehn Prozent besser ist als alle anderen Ruderer und damit für den Unterschied verantwortlich ist. Doch Hansen ist schweigsam, in sich gekehrt und kann Erfolg und Ruhm zumindest äußerlich nicht erkennbar genießen. Einige Jahre nach seinem Karriereende hat sich der magersüchtige Hansen auf sechzig Kilo Körpergewicht heruntergehungert und verstirbt an einer Grippe.

Der Sportjournalist Paco Müller feierte mit Hansen und den anderen einst die Erfolge des Achters und überwand das tragische Geschehen bis heute nicht, so dass er sich auf die Suche nach den Hintergründen und Umständen begibt, die zu Arnes Tod führten. Er kontaktiert die alten Kameraden aus dem Gold-Achter, denen allesamt der Schritt aus dem Boot in die Realität gelungen ist und die ausnahmslos erfolgreiche Karrieren hingelegt haben. Doch ist es um deren Bereitwilligkeit zum Reden über Arne nicht gut bestellt, zu schwer tragen alle noch an der Schuld, die ihnen ihr Schlagmann hinterlassen hat. Oder steckt etwa mehr hinter deren Verschwiegenheit? Auch Anja, die adelige Freundin Arnes, ist zunächst alles andere als redselig.

"Schlagmann" ist das literarische Debüt von Evi Simeoni, einer Sportjournalistin, die seit Jahrzehnten als Sportredakteurin bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über Reiten, Motorsport und Rudern schreibt. Der vorliegende Roman basiert auf einer wahren Geschichte, die Simeoni in ihrer Zeit als Journalistin miterlebt und stark beschäftigt hat - dem Aufstieg und Fall des Bahne Rabe. Der schweigsame Lüneburger hatte 1988 bei den Olympischen Spielen in Seoul den Deutschland-Achter als alles überragender Schlagmann zu Gold geführt. Sein weiteres Leben jedoch verlief dann ziemlich kongruent mit dem des fiktiven Arne Hansen.

Evi Simeoni stellt mit Magersucht und dem über die Krankheit hinausgehenden Wunsch Arne Hansens, sich bewusst zu Tode zu hungern, ein sehr sensibles Thema in den Mittelpunkt, das in der Gesellschaft bisweilen gerne tabuisiert wird. Mit sprachlicher Wucht schildert sie den sukzessiven Zerfall eines gefühlslosen Menschen und seiner Umwelt, die schwer trägt an einem Prozess, den sie zwar erkennt, jedoch nicht aufhalten kann. Auch als Leser weiß man bereits um das traurige Ende, auf das die Geschichte hinsteuert, doch schockieren einen schließlich die konkreten Umstände und Ausmaße, und man wird gedrängt durch die unbeantwortete Frage nach dem Warum.

"Schlagmann" speist sich aus abwechselnden aus Tonbandaufzeichnungen gewonnenen Ich-Erzählungen von Arnes engstem Freund im Achter, Wolfgang "Ali" Altmann, und Arnes Freundin Anja, lediglich unterbrochen durch eigene Aufzeichnungen Paco Müllers. Das gesamte Buch berichtet die Geschehnisse somit aus der Ich-Perspektive, jedoch aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet. Der Leser fühlt sich dank dieses Erzählkniffs mittendrin im Geschehen und nimmt Anteil am langsamen Sterben des Arne Hansen.

Autorin Evi Simeoni verweist im Nachwort des vorliegenden Buches explizit darauf, dass die Romanfiguren von der Geschichte des Bahne Rabe allerhöchstens inspiriert seien und vieles einen fiktiven Charakter besitze. Der interessierte Leser wird allerdings feststellen, dass sich "Schlagmann" von der Rahmenhandlung her sehr, sehr nahe an der wirklichen Geschichte des Bahne Rabe orientiert, nämlich wenn er von Arne Hansens Leid getrieben im Internet zu recherchieren beginnt und versteht, wie einer der größten deutschen Olympioniken aller Zeiten beschloss, das Leben nicht mehr meistern zu wollen.

Christoph Mahnel
16.07.2012

 
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Das Buch:

Evi Simeoni:
Schlagmann

Bild: Buchcover Evi Simeoni, Schlagmann

Stuttgart: Klett-Cotta Verlag 2012
276 S., € 19,95
ISBN: 978-3-608-93969-9

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