Romane

Den richtigen Frosch geksst

Sie haben Lust auf ein Leseerlebnis der besonderen Art? Mutig genug sind Sie, um sich einer ganz eigenständigen, intensiven Sicht auf das Leben zu stellen? Ihr Zimmer ist gelüftet, weil es hinterher ein wenig qualmig sein kann? Dann los an Alona Kimhis Werk, mit dem sich die junge israelische Autorin ganz nach oben geschrieben hat.

Susannah Rabin ist das, was man voll neben der Kappe nennt, durchgeknallt, aber harmlos. Sie ist "keine Verwandte von", das ist ihr wichtig. Sie hat keinen Beruf, denn sie leidet auch ohne diese Last schon genug am Leben. Der Tod ihres Vaters, des Abgotts ihrer Kindheit, löste eine Krankheit aus, von der sich das Mädchen nie mehr erholt. Wo andere in die Schule gehen oder sie wenigstens schwänzen und abends in die Discothek eilen, bleibt Susannah daheim, eng an ihre Mutter gebunden, als trüge sie ihre Nabelschnur noch immer.

Eines Tages geschieht etwas, das diese symbiotische Beziehung gewaltig ins Wackeln bringt und sie letztlich ruiniert: Ein Verwandter kündigt seinen Besuch an, er quartiert sich bei den beiden Frauen ein und das löst eine Kette von Ereignissen aus.

Anfangs lernen wir Susannah ganz gut kennen, schließlich ist sie die Ich-Erzählerin und drückt dem Leser so ihre Brille auf. Was haben wir nicht alles an wunderbaren Neurosen und Gedanken! Zu Beginn gibt es gleich eine Menge Einblicke in das Gedankengerüst Susannahs und der Leser wird sich des öfteren beim Lachen ertappen. Eher er merkt, dass er anfängt, die Welt mit Susannahs, nicht "Verwandte von", Augen zu sehen, ist es zu spät, drin ist er im Spinnennetz, das die junge Autorin mit Bravour gesponnen hat und von da an jagt er mit der Erzählerin durch die Ereignisse, die sich mit dem Besuch zu überschlagen beginnen. Susannah, an diversen Phobien und Neurosen leidend, hat wenig Chancen, die auch bei Naor, dem jungen knackigen Helden aus Amerika mit dem immensen Wissen und dem unglaublichen Charme, dem schönen Körper, dem gesunden Appetit und dem begeisternden Wesen, auszuleben. Naor kümmert sich schlichtweg nicht um Susannahs Neurosen, ganz im Gegenteil, er fordert sie heraus und gegen ihre Heulattacken ist er schnell gewappnet – dicke Sonnenbrille, dahinter kann Susannah ruhig tropfen, egal, Hauptsache leise und überhaupt ist das ganz unwichtig, denn der Besuch hat gewaltige Aufgaben zu lösen. Nebenher erfahren wir nicht nur unglaublich viel über gefälschte und echte Ikonen aus Russland, sondern auch eine Menge über das Leben und Denken im modernen Israel.

Stück für Stück entfernt sich Susannah von ihren alten Denkmustern, es bleiben (zum Glück) die seziermesserscharfe Beobachtung der Umwelt, die unnachahmlichen Beschreibungen der Menschen und ihrer gelegentlich schon seltsamen Verhaltensweisen. Natürlich knallt es irgendwann gewaltig, man verlässt nicht ungestraft den schützenden Mutterschoß und verliert nicht einfach so nebenher mal ein paar Macken. Susannah führt den Besucher Naor oft udd gern an die Grenzen seiner Geduld, aber der packt das locker weg. Anfangs denkt man noch, was Naor nur für ein supertoller Hecht ist (Neid!) und als er Susannah sogar küsst (nicht nur), sieht man sich schon mit ihr im siebten Himmel. Neurosen weg, paar Ticks adieu, geblieben sind eine Menge guter Sachen und aus dem vermeintlichen Frosch, dem Zerstörer eingespielter Idyllen, wird gar ein Märchenprinz. Wir sehen Susannah Rabin schon aufblühen, aus der Magersuchtecke kommen, die Kippen in den Müll werfen (wir atmen auf, denn die Gute qualmt, dass es für zehn reicht) und endlich im Meer baden, ohne gleich an den schönstmöglichen Suizid (rein zufällig natürlich!) zu denken. Wir sehen Naor bereits im Anzug vor dem Traualtar, alternativ im Standesamt, die Situation gekrönt von den Fixsternen an Susannahs Firmament, der bösartigen Zara (die zum Handlecker mutierende aggressive Hündin mit ihrem Monsterbesitzer Giddi, der sich als ganz und gar harmlos entpuppt), der sich dauernd selbstverwirklichenden Rikwi, Nechama, der Dauerschwalltante und in ihrem Schlepptau Super-Duper-Armand.

Doch nein, ganz so leicht macht es uns Alona Kimhi nicht. Wir kriegen ein Happyend, fragt sich nur, für wen das so glücklichmachend ist. Und Naor kommt darin gar nicht vor, der macht nämlich einen gravierenden Fehler und fliegt vom Schachbrett mit der Aufschrift "Susannah Rabin". Aber bis dahin muss der Leser schon eine Weile durchhalten. Die Zeit wird ihm indes nicht lang. Dafür sorgt Kimhi schon. Einzig offenbleibende, brennende Frage: Schreibt die Autorin hoffentlich schon am nächsten Buch?!

csc
01.09.2002

 
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Das Buch:

Alona Kimhi: Die weinende Susannah

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Mnchen: Hanser Verlag 2002
443 S.
ISBN: 3-446-20214-5

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