Romane

"Erlknig hat mir ein Leids getan."

Warum ein Buch lesen, gar kaufen, das eine so unerfreuliche Diskussion auslöste, bevor es überhaupt erschienen war? Man möchte eigentlich nicht dazu beitragen, dass das Kalkül aufgeht (so es eines war), auf diese Weise einen Bestseller herbeizureden. – Aber: Ich wollte mir selbst ein Bild machen darüber, was an dieser hitzigen Diskussion dran ist, wollte sehen, was die FAZ und M.R.R. für Antisemitismus halten – und ich habe aufmerksam, habe mit weit ausgefahrenen Sensibilitäts-Antennen gelesen.


Die Hauptfigur dieses Romans ist der Kritiker André Ehrl-König, nomen est omen. ("Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an! Erlkönig hat mir ein Leids getan.") Der Kritiker Marcel Reich Ranicki, pardon, André Ehrl-König wird dargestellt als niederträchtig, tödlich verletzend, boshaft, böswillig, widerlich, eitel, geil, undankbar, unfähig zu Freundschaften. Er sei derjenige, der aus abwägender Kritik sozusagen römische Circusspiele gemacht habe: gut oder schlecht, Daumen rauf oder Daumen runter, Leben oder Tod - etwas anderes gebe es nicht.
Sein Gegenspieler ist der Autor Hans Lach, der im Literarischen Quartett, pardon, in der Sprechstunde von A. E.-K. niedergemacht wurde. Später wird der Kritiker vermisst, sein Auto, innen blutverschmiert, verlassen aufgefunden. Als Täter verdächtigt man Hans Lach, denn der war im Anschluss an die literarische Fernsehsendung auf der Party im Hause eines bekannten Verlegers erschienen und hatte lautstark den bedroht, der ihm vor einer Stunde öffentlich den Garaus gemacht hatte.


Martin Walser macht, aufgrund tiefer Verletztheit, M.R.R. nach Strich und Faden lächerlich - und hat dabei eine Materialsammlung von z.T. boshafter Aggressivität zusammengetragen:
"Er (hat) charakterlich etwa den Zuschnitt einer Disney-Figur. Großkasper, das wäre überhaupt der einzig richtige Name für ihn. Großkasper!"
"Wenn andere Leute in einer gewissen Art über mich sprechen, werde ich kleiner. Und das, ohne dass ich mit diesen Leuten zusammen bin oder auch nur weiß, dass die gerade über mich sprechen. Ich sitze zu Hause an meinem Arbeitstisch, und wenn ich aufstehen will, reichen meine Füße nicht mehr auf den Teppich hinab, auf dem mein Schreibtischstuhl steht."


"Was für eine Schlacht, wo einer glorios schlachte(t) und der andere keinen Finger rühren (kann) zu seiner Verteidigung. Ein Schlachten (ist’s), nicht eine Schlacht."
Besonders perfide: Diesen Hans Lach hat André Ehrl-König lange gepflegt, gehätschelt, ihn glauben lassen, er sei sein Freund ("Du liebes Kind, komm, geh mit mir! Gar schöne Spiele spiel ich mit dir ...") – um dann völlig unerwartet einen vernichtenden Verriss zu zelebrieren ("Das Kind in seinen Armen war tot").
Solches Spiel mit Freunden treibe A.E.-K., um seine Unbestechlichkeit zu beweisen. "... sein auf Superlative angewiesener, von Superlativen-Entgegensetzungen lebender Show-Instinkt. Er kann dich am effektvollsten vernichten, wenn er aufstöhnt, mit hochgeworfenen Händen aufschreit: Und das müsse er sagen über das Buch eines Fereundes ..." "... Ehrl-König demonstrierte mit Händen und Füßen und wild kreisendem Kopf und einer sich bis zum Überschlagen steigernden Stimme, wie er darunter gelitten habe, dieses Buch lesen zu müssen ..."
"Man müsste mit den Kameraleuten reden, dass die ihm einmal mit dem Zoom aufs Mundwerk fahren, dass endlich einmal das weiße Zeug, das ihm in den Mundwinkeln bleibt, groß herauskäme, der vertrocknete Schaum ... Scheißschaum ... das ist sein Ejakulat. Der ejakuliert doch durch die Goschen, wenn er sich im Dienst der deutschen Literatür aufgeilt."


Besonders perfide ist Kritik immer, wenn sie den Umweg über die Mutter des Angegriffenen nimmt, auch dieses Mittel ist Walser recht: "...dass seine Mutter ihn abgelehnt hat, weil er klein und hässlich war." Und: "Die Mutter dürfte versäumt haben, ihn so zu hegen, dass er gern gedankt hätte."
Schrecklich. Verletzend. Die Grenzen des Anstands und des guten Geschmacks deutlich überschreitend.
Ich lese das Buch so: Da begehrt einer auf gegen die Macht, die ein Kritiker verkörpert. ("Schließlich war er der Mächtigste, der je in der Literaturszene Blitze schleuderte.") Dieser Zeus hat Autorenleben zerstört, nun wird er (zumindest in der Phantasie) umgebracht.


Aber wo kommt der (angebliche(?)) Antisemitismus ins Spiel, wo zeigt er sich im Buch? Gleich auf der zweiten Seite wird ein von Walser in der letzten Zeit wiederholt angeprangerter deutscher Reflex beschrieben. Als Hans Lach seinem Kritiker Rache androht, ist die Reaktion der anwesenden Gäste nicht Verständnis, sondern "Befremden, eigentlich schon Bestürzung und Abscheu". Und dann kommt er, der deutsche Reflex: "... schließlich sei allgemein bekannt, dass André Ehrl-König zu seinen Vorfahren auch Juden zähle, darunter auch Opfer des Holocaust."
Und später, die Presse betreffend: "Das Thema war jetzt, dass Hans Lach einen Juden getötet hatte." Das kann man erst einmal gar nicht fassen: Die FAZ tappt just in die Falle, die Martin Walser ausgelegt hat! Die Zeitung, die ich als unaufgeregte schätze, hat diese Stelle des Buches nach-inszeniert: Ihre Sichtweise ist, dass Walser ein ehrabschneidendes Buch über einen Juden geschrieben habe und lehnt einen Vorabdruck mit dieser Begründung ab. Ich kann nur den Kopf schütteln.


Reich Ranicki teilt gerne aus, hat saftig ausgeteilt, auch unfair, gemein und überzogen. Wer austeilt, muss auch einstecken können, denke ich. Was aber, wenn jemand so viel hat einstecken müssen in seinen jungen Jahren, als Jude in Deutschland, als Jude in Polen, als Jude im KZ – dass er gar nicht mehr anders kann, denn sich als Jude angegriffen zu fühlen?
Aus M.RR.’s Dankesrede zur Verleihung der Ehrendoktorwürde der Ludwig-Maximilians-Universität vom 10. Juli in München:
"Ein Autor, der von einem Kritiker mehrfach ungünstig und vielleicht auch gelegentlich boshaft beurteilt worden ist, holt zum Gegenschlag aus. Das ist in der Geschichte der Literatur unzählige Male passiert. Ein Grund zu Aufregung ist das nicht. Jeder kennt Goethes Gedicht, das mit den Worten endet: ‚Schlagt ihn tot, den Hund! Er ist ein Rezensent.’ ... Auch dem Erzähler vom Bodensee ... hätte man ein hartes Wort gegen seinen Kritiker gewiss verziehen. Nur hat er nicht ein freches Gedicht geschrieben, sondern einen Roman, und dessen Fazit lautet nicht etwa: ‚Schlagt ihn tot, den Hund! Er ist ein Rezensent’, sondern ‚Schlagt ihn tot, den Hund! Er ist ein Jude.’ So lese ich diesen Roman, anders kann ich es nicht."
Das müssen wir mit Respekt hinnehmen. Frank Schirrmacher und die FAZ haben es getan. Auch ich tue es, mich des Autors der Autobiographie "Mein Leben" erinnernd.


Eine Buch-Besprechung, die sich vorwiegend mit der Diskussion beschäftigt, die es ausgelöst hat! Und das Buch selbst? Nun, in der ersten Hälfte fand ich es gut, spannend, authentisch. Ein Walser ohne moralischen Zeigefinger; tiefes Verletztsein, zentrale Betroffenheit springen unmittelbar über. Gelungen fand ich den Einfall eines ob des Verrisses an einer Persönlichkeitsspaltung leidenden Hans Lach. Als er den heimlich gewünschten, aber nicht ausgeführten Mord gestanden hat, sucht sein Alter Ego, scheinbar ein Freund aus der Nachbarschaft, die Unschuld des Angeklagten zu beweisen. Dazu befragt er viele, die in der Literaturszene Rang und Namen haben – auch hierin ein Schlüsselroman.
Doch später, als sich herausgestellt hat, dass der Kritiker gar nicht tot ist, vielmehr nur fürchterliches Nasenbluten hatte - und die Gelegenheit des Schneechaos’ wahrnahm, für ein paar Tage bei seiner derzeitigen Muse unterzutauchen – später dann wird es unglaubwürdig und langatmig, unwahrscheinlich und langweilig.
Kein großer Roman, kein antisemitischer Roman. Eher eine zum Roman aufgeblähte Erzählung, die unbeirrt, sogar verschärfend anknüpft an jene Paulskirchenrede Martin Walsers.

F.M.S.
01.08.2002

 
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Das Buch:

Martin Walser: Tod eines Kritikers

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Frankfurt/M.: Suhrkamp 2002
3-518-41378-3

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