Romane

Schwärmen und Schimpfen

762 Seiten! Wie das schaffen? Ist das zu schaffen? Es ist zu schaffen. Es ist geschafft! "Lieber Niels", Matthias Zschokkes starkes und stärkstes Buch, ist gelesen. Nicht immer ist es leicht, im neuen Zschokke weiter und voranzukommen. Zeile für Zeile zu lesen heißt, sich Zeit zu nehmen. Wie nun, völlig außer Puste, auf die Publikation reagieren? Auf 762 Seiten? Jede Seite rechtfertigt eine eigene Rezension.

Den Schriftsteller Matthias Zschokke, Schweizer des Jahrgangs 1954, versteht keiner besser als der Schriftsteller Matthias Zschokke. Das war so. Das ist so. Das wird so bleiben. Als wäre das das Selbstverständliche. Ist es nicht! Zschokkes Selbstverstehen ist dem ständigen Selbstverständigen verpflichtet. Eine zwangshafte, bittere Pflicht? Denkste! Aus dem Verständigen, das das Verstehen will, hat der Schriftsteller ein Vergnügen gemacht. An dem beteiligte er zuerst und zunächst Niels Höpfner. Der, Dramaturg und Autor, also auch Kollege, ist Zschokkes Vertrauter. Ist Zschokkes Zwillingsmensch. Ist sein geistiger Bruder. Ist zum Freund des Lebens geworden. Niels wurde zum ersten Empfänger der Mails, die das dicke Buch möglich machten. Das Buch war nicht zu erwarten, als der seit Jahrzehnten in Berlin lebende Schriftsteller begann, auf zeitgemäße Weise Postillen gen Köln zu senden, wo Niels wohnt. Fast Tag für Tag fliegen die digitalen Tauben in die Dom-Rhein-Stadt.

Die erste Mail ist vom 24. Oktober 2002. "Lieber Niels" schließt mit dem Eintrag vom 14. Juli 2009 - 220 Jahre nach dem Sturm auf die Bastille. Was was sagt? Vielleicht. Vielleicht nicht. Bei Zschokke müssen sich die Leser auf einiges gefasst machen. Und das ist auch gut so! Und ein Grund, das Buch nicht vorschnell bei Seite zu legen. Bereits in den ersten Mails offenbart Matthias Zschokke, dass er ein Dilettant ist. Als der verabschiedet sich der Autor von den Lesern. Hat er sich auch als Mailer hervorgetan, zu einem Perfektionisten des Laptop hat er es in den Jahren nicht gebracht. Wenn das nicht sympathisch ist! Wenn das nicht für den Schreiber einnimmt! Vielleicht auch dann, wenn man den Matthias Zschokke mal nicht mag. Zum Beispiel, wenn Matthias den Niels zitiert, der feststellte: Du interessiert dich nur für dich. Das Interesse für sich selbst macht die Substanz der Mails und somit des Buches. Der Autor tritt als der Autonom auf, der beständig und beharrlich die Autonomie des Autors vertritt und verteidigt. Seine Tages-Aufzeichnungen tendieren zum Absoluten. Die Absolutheit des Nichtabsoluten pfeffert die Eintragungen. Der Schriftsteller kann wundervoll schwärmen und begeistert schimpfen. Das Schwärmen und Schimpfen lockt und lotst die Leser, den Aufstieg auf den Bücherberg zu riskieren.

Der ausgebildete Schauspieler, der Erzähler, Dramatiker, Filmemacher Matthias Zschokke, kennt den Kunstbetrieb. Er kann Schein und Sein vortrefflich voneinander trennen. Manche gefeierte Größe der Literatur, des Theaters, des Kinos gilt dem Kunstkenner wenig oder gar nichts. Der Autor hat keine Sorge, als Abweichler oder Abwiegler dazustehen. Er will seine Selbstgewissheiten kultivieren. Das schützt ihn davor, die Mails zu missbrauchen, um zu missionieren. Das unbefangene, unmittelbare Aussprechen gegenüber dem Freund garantiert den Aussagen eine Aufrichtigkeit, die unüblich ist in publizierten Selbstaussagen.

Die veröffentlichten Gedanken, die dargelegte Lebensgeschichte ermöglichen die Begegnung mit einem Menschen, der kein Jedermann ist. Er möchte geliebt werden, doch um Liebe nicht buhlen. Wen liebt Matthias Zschokke? Wie liebt er? Der Mann, der so offen, offensiv ist, kann schweigsam, sehr schweigsam sein. Der Schreiber, ein Souverän des Denkens, also ein Selbstdenker, wird dadurch erträglich und ertragbar, dass er immer auch ein Selbstzweifler ist. Tief, in Herz und Hirn! So sehr sich Zschokke um Sicherheit bemüht, er existiert mit antastbarer Selbstsicherheit. Er kann - und muss - Festgelegtes in Frage stellen. Er will nicht auf intellektuellen Positionen beharren, nie den Intellektuellen hervorkehren. Er muss nicht den Analytiker geben. Er muss nicht mit den besseren, besten Argumenten triumphieren. Gesprächig, nicht geschwätzig, ist Matthias Zschokke der Aufzeichner der Tagesbeschäftigungen und des Tagesgeschehens. Im Aufzeichnen zeigt er auf, wer sich wie im Kunstbetrieb bewegt, was den sinnigen wie unsinnigen Betrieb macht und ausmacht.

Was dem Schriftsteller geschieht, ist am wenigsten das, was in seinen vier Wänden geschieht. Wenn der Überlegene unterliegt, der Unterlegene überlegen ist, wird das deutlich genug. Durchaus kokett ist, was der Älterwerdende über das Älterwerden artikuliert. Ja, ja, diese alten, kranken Männer, die noch nicht alt und krank sind! Zum Schmunzeln! Zschokke, oft auf Lese-, Vortrags-, Bildungs-Reisen, ist nicht nur der aktive oder passive Teilnehmer des Kunstbetriebs. Mit wachen Sinnen sieht der Betrachter und Beobachter Menschen und Länder. Er sieht, wie Politiker aus der Politik und somit aus Menschen und Ländern machen. Matthias Zschokke reklamiert für sich nicht, ein politischer Mensch zu sein. Er ist politisch. Er hat das letzte Jahrzehnt der Insel Westberlin mitgemacht. Er weiß, wie sein Landsmann Gottfried Keller sagte, dass selbst der Rauch aus dem Schornstein Politik ist. Wie das politische Sein ignorieren, wenn einen die materiell-finanzielle Existenz dazu täglich nötigt? So nah sich Matthias und Niels zumeist sind, im Beurteilen des Politischen stehen sie auf verschiedenen Straßenseiten. Es fällt nicht schwer, sich an die Seite des klarsichtigen Kapitalismuskritikers Zschokke zu stellen. Nicht die einzige Gelegenheit, sich mit dem Verfasser der Mails zu solidarisieren. Das wird am ehesten denen möglich, die direkt und indirekt dem Kunstbetrieb verbunden sind. Leuten, die Bücher lesen, Lesungen besuchen oder Ausstellungen, ins Theater, ins Konzert, ins Kino gehen. Wer so lebt, wird Zschokkes Mails mitleben. Wird lesend wiederholt denken: Ist der Zschokke nicht, wie ich bin? Bin ich, wie Zschokke ist? Bei aller Individualität! Schrecklich, sich im e-mail-Spiegel des Anderen zu sehen. Oder schön?

Wer hat das Glück, wie der Matthias, einem Niels zuzurufen: "Oh, Du meine Klagemauer"? Mit dem auch real schwer-gewichtigen Werk "Lieber Niels" in der Hand sind die Leser keine Alleingelassenen. Zschokke hat für all den Ernst des einfachen, nicht so einfach zu lebenden Lebens Worte, die den Ernst erleichtern und auch mal auf die leichte Schultern nehmen. Der Schriftsteller ist ein satirischer Spötter und heiterer Humorist. Ungebremst schwungvoll saust er als Selbstironiker dahin. Nicht nur für den lieben Niels, auch für alle Nachleser der Mails ist der Autor ein witziger, witzelnder Unterhalter. Und das Seite für Seite. 762 mal. Wäre doch dumm, sich solcher guten, gescheiten Unterhaltung zu verweigern. Matthias Zschokkes "Lieber Niels" ist ein Marathonlauf. Wer den mitmacht, belebt Körper und Geist.

Bernd Heimberger
04.04.2011 

 
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Das Buch:

Matthias Zschokke:
Lieber Niels

Bild: Buchcover Matthias Zschokke, Lieber Niels

Göttingen: Wallstein Verlag 2011
762 S., € 29,90
ISBN: 978-3-8353-0909-8

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