Romane

Auch unterkhlte Geistliche mgens hei

Hand aufs Herz: Was täten Sie, wenn Sie in Ihrer Gefriertruhe in einem Eisblock zwischen allerlei Nahrungsmitteln einen gefrorenen Rabbi finden würden? Und wenn besagter Rabbi bei einem Stromausfall auftauen und wieder zum Leben erwachen würde? Machen Sie sich nichts draus: Der 15-jährige Bernie Karp, seines Zeichen das dümmlich-tumbe schwarze Schaf einer vermögenden jüdischen Familie, ist zunächst ebenso überfragt. Als lethargische Couch Potato par excellence fällt Bernie schließlich das Naheliegendste ein: Er setzt den unverständliches Kauderwelsch plappernden Geistlichen einer zünftigen Diät aus dem Schlimmsten, was das US-amerikanische Fernsehprogramm zu bieten hat, sowie den Überbleibseln der Familienmahlzeiten aus. So akklimatisiert Bernie ihn an das Amerika der Jahrtausendwende - und auch noch mit Erfolg, so scheint es zumindest.

Da Bernie den unterkühlten Lazarus ins Gästehaus auf dem opulenten Grundstück seiner Eltern verfrachtet hat, gelingt es ihm eine beachtliche Weile lang, seinen "Fund" geheim zu halten. Als Gegenleistung beginnt der Rabbi schließlich, seine Weisheit so gut es geht mit dem tumben Teenager zu teilen. Und Bernie muss tatsächlich zur Kenntnis nehmen, dass es dem Rauschebart tatsächlich gelingt, sein Interesse für die Geschichte seiner Familie sowie seine Religion zu wecken.

Verblüfft verfolgt Bernie, wie er zunehmend aus seinem phlegmatischen Teenagerzombie-Dasein erwacht, und es dem Rabbi tatsächlich gelingt, ihm ein paar Quäntchen seiner Weisheit zu vermitteln. Ob es ihm nun eines Tages sogar gelingen könnte, die Memoiren seines Großvaters Ruben "Ruby" Karp zu entziffern, die sich ebenfalls mit dem Rabbi beschäftigen? Doch da kommt was kommen muss: Als sich der Rabbi gestärkt genug fühlt, folgt seine Flucht aus dem Hause Karp. Als Bernie ihm schließlich wieder begegnet, scheint er das Oberhaupt einer Art bizarren Kults geworden zu sein ...

Obacht, hier geht es bissig, schräg und oftmals absurd zu - zu dieser Erkenntnis wird jeder Leser bereits nach wenigen Seiten kommen. Schon die Prämisse von "Der gefrorene Rabbi" ist überdreht genug und im Minutentakt hagelt es neue Eigenartigkeiten, schrill-sarkastischen Humor und ätzende Seitenhiebe auf das gehobene US-amerikanische Bürgertum. Ein verkappter Bildungsroman oder eine Geschichte im Stil von "Pygmalion" ist "Der gefrorene Rabbi" allerdings keinesfalls. Statt Bernies Metamorphose zu einem Mitglied der Gesellschaft, das sein Hirn nicht nur besitzt, um die Leere in seinem Kopf zu füllen, steht vielmehr der mysteriös-überdrehte Rabbi im Vordergrund. Bernie dagegen erfüllt als Antiheld par excellence vielmehr die Funktion einer - wenn auch liebenswerten - Clownfigur.

So mancher Leser wird mit Erstaunen feststellen, dass der Roman des US-amerikanischen Kultautors Steve Stern eine zweite Zeitebene aufweist. Hier wird erzählt, wie der ursprünglich aus Boibicz in Polen stammende unterkühlte Geistliche unter turbulenten Verwicklungen schließlich in den "Besitz" der Familie Karp gelangte. Zugestandenermaßen erscheint die Darstellung der Epochen und Gesellschaften, in denen die (Anti-)Helden des "historischen" Teils dieses Romans teils ums nackte Überleben kämpfen müssen, durchaus glaubhaft. Jedoch verwendet Stern hier dieselbe flott-sarkastische Schreibe und schnell stellen sich auch die ersten phantastisch-schrägen Elemente ein, so dass das Ergebnis letztlich genauso lachmuskelstimulierend ist.

"Der gefrorene Rabbi" entpuppt sich so als ein hochdosierter Cocktail des Absurden, Schrägen und Satirischen voller schier überschäumender Kreativität - und macht so einfach Spaß. Nie kann der Leser wissen, welche haarsträubenden Geschehnisse ihm Stern als nächstes kredenzen wird, was dem überdrehten Roman eine geradezu unerhörte Suchtwirkung verleiht. Denn bei einem solchen humoristischen Potpourri kann Langeweile schlicht gar nicht aufkommen. Quasi ganz nebenbei gelingt es Stern zudem, dem geneigten Leser mehr über die jüdische Lebensart - und den jüdischen Humor - zu vermitteln, als so mancher erwarten mag. Ein absolutes Muss für alle Liebhaber des Absurden, Unberechenbaren und Schrägen und alle, die es noch werden wollen.

Johannes Schaack
07.03.2011

 
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Das Buch:

Steve Stern: Der gefrorene Rabbi. Aus dem Amerikanischen von Friedrich Mader

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Mnchen: Karl Blessing Verlag 2010
495 S., 21,95
ISBN: 978-3-89667-436-4

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