Romane

Zeugenaussagen

Es sind nicht im eigentlichen Sinne Zeugenaussagen, die das Ger?st des neuen Romans der US-amerikanischen Schriftstellerin Anita Shreve bilden, auch wenn der Originaltitel genau dies verspricht - "Testimony". Die Kapitel in "Weil sie sich liebten" sind vielmehr R?ckblicke und Vorausschauen, die die Sicht vieler einzelner Personen darstellen - allesamt mehr oder weniger in einen Skandal an der renommierten Avery Academy in Vermont verwickelt. Einige Personen kommen h?ufiger zu Wort, erhalten mehrere Kapitel, in denen der Leser deren Charakter ergr?nden kann; anderen ist nur ein Kapitel geg?nnt und dann verschwinden sie wieder in der dunklen Anonymit?t, aus der sie gekommen sind. 

Schon das erste Kapitel ist ein wahrer Schocker f?r Anita Shreves Leser, die es sonst gewohnt sind, eher zwischen den Zeilen zu lesen und das Unausgesprochene f?r wichtiger zu halten als das Ausgesprochene. Das Ton angebende erste Kapitel schildert explizit den Sex-Skandal, der sich an der renommierten Privatschule zwischen drei Sch?lern, 17 bis 19 Jahre alt, und einer 14-j?hrigen Sch?lerin abspielt, die von Shreve keineswegs als Opfer dargestellt wird, sondern als ein M?dchen, das die volle Kontrolle ?ber die Situation hat und es erstrebenswert findet, derart begehrt zu werden. Mike Bordwin, der Direktor der Schule, erf?hrt durch das ins Internet gelangte Sex-Video von den Vorg?ngen an seiner Schule. Besonders entt?uscht und emp?rt ist er ?ber die Beteiligung von Silas, einem bislang anst?ndigen Jungen aus ?rmeren Verh?ltnissen, dem er den Zugang zu seiner Privatschule verschafft hat. 

Die Ereignisse, die zu der auf Band festgehaltenen Orgie gef?hrt haben, werden von Shreve in gelegentlich verwirrenden und keiner Chronologie folgenden Zeitspr?ngen erz?hlt. Die einzelnen "Zeugenaussagen" wurden von einem Soziologie-Stundenten der Vermonter Uni zwei Jahre nach dem Skandal zusammengetragen. Immer dann, wenn man als Leser das Gef?hl hat, die pr?sentierten Fakten bringen einem zwar dem Ende des Buches n?her, nicht jedoch der Beantwortung der Fragen, die der Leser hat, gelingt es Shreve wieder, den Bogen zu schlagen und den Leser an das Buch zu fesseln. Nicht zuletzt geschieht dies dadurch, dass sie die Geschichte nur z?gerlich enth?llt und dem hungrigen Leser immer winzige H?ppchen vorwirft. 

Shreves Geschichte ?ber vier Teenager - einer davon tot, die anderen drei mit ungewisser Zukunft - ist mehr als nur eine Geschichte ?ber einen moralisch bedenklichen Zwischenfall an einer Privatschule. Sie erz?hlt von der Zerbrechlichkeit der Liebe und des Vertrauens und von der Zerst?rung, die ein einziger Moment in unserem und dem Leben anderer hinterlassen kann. 

Sabine Mahnel 
20.09.2010

 
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Das Buch:

Anita Shreve: Weil sie sich liebten. Aus dem Amerikanischen von Mechtild Sandberg

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Mnchen: Piper Verlag 2010
354 S., 19,95
ISBN: 978-3-492-05285-6

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