Romane

Ein Leben ist nicht genug

Weil sie dabei erwischt wird, wie sie die Munition tausender Soldaten durch aufgeweichtes Brot austauscht, wird Pia Masuran zu Tode verurteilt. So beginnt "Erdgebunden oder Hannas Seele braucht Pumps", der Debütroman von Anna Mikak. Da Pia zum Zeitpunkt ihres Todes noch sehr jung ist - viel zu jung zum Sterben jedenfalls -, empfindet sie die Dauer ihrer Anwesenheit auf der Erde als entschieden zu kurz. Ob da nicht ein Versehen vorliegt?

Als Pia kurz nach ihrem gewaltsamen Tod im Himmel ankommt, hat sie Gelegenheit diese Vermutung zu äußern. Ein Versehen läge nicht vor, wird ihr erklärt, es sei Pia aber möglich, einen Antrag zu stellen, um direkt wieder zurück auf die Erde zu dürfen. In einem neuen Leben selbstverständlich. Ihr Antrag wird bewilligt, woraufhin sie als Johanna Abram, Jüngstes von fünf Kindern, wiedergeboren wird. Als Preis für ihre frühzeitige Reinkarnation ist ihr neues Leben durch Verlust gekennzeichnet. So stirbt beispielsweise ihre Mutter, als Johanna erst elf Jahre alt ist.

Als Jugendliche geht sie zum Studium nach London und begegnet dort Aivi, ihrer ersten großen Liebe. Die zwei scheinen sich magisch anzuziehen, aber da beide Dickköpfe sind, ist ihre Beziehung äußerst problematisch. Damit sich diese leidenschaftliche Romanze in Wohlgefallen auflöst, geht Johanna nach Paris. Was folgt sind an Stelle einer echten Beziehung jedoch bewegte Liebesbriefe und sehnsüchtige Telefonate.

Der Leser verfolgt den Fortgang der Liebesgeschichte durch Aivis Briefe. Dabei sind die großen Themen zunächst typisch für eine Beziehung: Eifersucht, mögliche Trennung, das bevorstehende Wiedersehen, die Angst, weniger geliebt zu werden. Als Außenstehender sieht man, wie sehr die Verliebten um immer dasselbe Thema kreisen. Bei den beiden kommt jedoch noch ein besonderer Punkt hinzu: Aivi ist seit langer Zeit Sarah versprochen und wird sie auch heiraten. Vielleicht versucht Johanna aus diesem Grund, sich von Aivi zu distanzieren - allerdings zunächst ohne großen Erfolg. Doch nachdem Aivi ihr wochenlang seine Liebe beteuert hat, kommt auch von seiner Seite eine für den Leser scheinbar plötzliche Wende. Für Johanna sind die Geschehnisse, die jetzt folgen, vielleicht weniger überraschend, denn sie weiß: "Liebe hat die schlechte Eigenschaft, über Nacht zu vergehen."

Man kommt nicht umhin zu glauben, dass sich Mikak von Goethes bekannten Briefroman hat inspirieren lassen. Auch "Erdgebunden oder Hannas Seele braucht Pumps" steckt voller Pathos und der Leser kann die Geschichte nur aus den expressiven Briefen der männlichen Hauptperson verfolgen. Johannas Antworten kann man sich zum großen Teil nur denken. Vielleicht ist es gerade das, was so zum Mitleiden und Mitfühlen anregt. Zudem ist ein Frauenroman, der hauptsächlich aus den Briefen eines männlichen Verfassers besteht, auf jeden Fall eine interessante Komposition.

Jennifer Mettenborg
29.03.2010

 
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Das Buch:

Anna Mikak: Erdgebunden oder Hannas Seele braucht Pumps

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Frankfurt am Main: Weimarer Schiller-Presse 2009
279 S., 14,40
ISBN: 978-3-8372-0456-8

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