Romane

Wenn einer viele Reisen tut...

Kennen Sie William Lithgow? Nein? Nun, es verwundert eigentlich kaum, dass Sie noch nichts von ihm gehört haben, auch wenn er wirklich viel zu erzählen hat. William Lithgow (1582 bis ca. 1632) gilt nämlich als einer der ersten Weltreisenden und Reiseschriftsteller und hat auf seinen ausgedehnten Fahrten durch aller Herren Länder tatsächlich so einiges erlebt. Allerdings waren seine Abenteuer bisher nur dem englischsprachigen Publikum seiner britischen Heimat vorbehalten. Ein untragbarer Umstand, den Roger Willemsen nun dankenswerter Weise ändert, indem er "Die wundersamen Irrfahrten des William Lithgow" endlich in deutscher Übersetzung herausgibt.

Ein Grund für die Reisetätigkeit des schottischen Schneiders mag sicherlich der Verlust seiner Ohren gewesen sein, die ihm die Brüder seiner Geliebten abschnitten, weil er unter deren Fenster ein Liedchen sang, das diese nun wirklich überhaupt nicht hören wollten. Abenteuer- oder Reiselust oder gar Forscherdrang kann man in Lithgows Fall jedenfalls wohl eher nicht als Motivation für das Verlassen der heimischen Gefilde anführen. Auch wenn er behauptet, von dem Wunsch beseelt zu sein, "alle Länder Europas bereist zu haben". Reisen um des Reisens Willen also, auch wenn das zur damaligen Zeit alles andere als ein Genuss gewesen zu sein scheint.

So gerät der Reisende durch die Unbill des Wetters auf hoher See oder diebische Straßenräuber und anderes Gesindel zu Lande immer wieder in Lebensgefahr. Am Ende fällt er sogar der spanischen Inquisition in die Hände und beschreibt recht plastisch die fiesen Foltern, denen er unterzogen wird und die er nur mit Müh und Not geradeso überlebt. Ein klein wenig gönnt man dem tapferen Schneiderlein die unfreiwilligen "Streicheleinheiten" aber auch, die es von Zeit zu Zeit verabreicht bekommt, denn was Lithgow über Moslems und Juden, Türken, Franzosen und Iren denkt und frei von der Leber weg dem Leser gegenüber äußert, ist häufig unter der Gürtellinie.

Was man dem Weltreisenden allerdings zugute halten muss, ist seine messerscharfe Beobachtungsgabe. So liefert das vorliegende Buch eine exakte Beschreibung geschichtlicher, geografischer, klimatischer, religiöser, politischer und gesellschaftlicher Gegebenheiten der Länder und Gegenden, durch die William Lithgow reist, auch wenn er dem einen oder anderen Sachverhalt ziemlich verständnislos gegenübersteht, vom Zustand ehemals berühmter Kulturstätten äußerst enttäuscht ist und hin und wieder in seiner Darstellung maßlos übertreibt.

"Die wundersamen Irrfahrten des William Lithgow" haben also wirklich für jeden Geschmack etwas zu bieten: Freunde des Abenteuerromans kommen genauso auf ihre Kosten wie Kulturwissenschaftler und Verehrer der geschliffenen Ausdrucksweise eines Reiseschriftstellers, dem wenig an der Meinung seiner Leser gelegen ist. Das Salz in der Suppe bilden dabei die grandiosen Illustrationen Papans, die Lithgows Schilderungen treffend ins Bild setzen und gleichzeitig herrlich frech auf die Schippe nehmen. Roger Willemsen und der mareverlag demonstrieren wunderbar, dass auch die Lektüre von Stoffen, die vor fast 400 Jahren erstmals veröffentlich wurden, auch heute noch ein absoluter Gewinn sein kann.

Christian Götz
15.02.2010

 
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Das Buch:

Roger Willemsen (Hg.): Die wundersamen Irrfahrten des William Lithgow. Aus dem Englischen von Georg Deggerich. Mit Illustrationen von Papan

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Hamburg: mareverlag 2009
384 S., 24,00
ISBN: 978-3-86648-112-1

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