Romane

Auf der Jagd nach einem Phantom

Am 9. Juni 1865 geschieht ein entsetzliches Unglück, das Charles Dickens` Leben für immer verändern sollte: Bei Staplehurst, einem kleinen Ort in der englischen Grafschaft Kent, entgleist ein Zug und hinterlässt ein Trümmerfeld. Dickens überlebt den Unfall unverletzt und übernimmt sogleich die Erstversorgung der unzähligen Schwerverletzten. Plötzlich steht ihm ein fremder Mann gegenüber. Er sieht bleich und dürr aus, trägt einen schwarzen Umhang, hat einen Zylinder auf und nennt sich "Drood". Für Dickens erscheint dieser Mann als der lebendig gewordene Tod, der den Menschen nur Böses will. Und doch lässt den großen Schriftsteller der Gedanke nicht los, dass der Mann ein schreckliches Geheimnis verbirgt, das es zu lüften gilt.

Um Droods wahre Identität aufzudecken, muss Dickens sich in Londons Unterwelt begeben, denn im Schatten der Anonymität ist Drood vor der Polizei und seinen Feinden sicher. An Dickens` Seite ist stets sein getreuer Freund und langjähriger Kollege William Wilkie Collins. Die beiden kennen sich nun schon seit vielen Jahren und bisher gingen sie immer durch dick und dünn. Aber Dickens` Besessenheit für Drood weckt Collins` Misstrauen und treibt schließlich einen Keil zwischen die einstigen Kameraden. Während sich Dickens immer tiefer in Londons Unterwelt und damit zugleich in die Abgründe der menschlichen Psyche begibt, versucht Collins verzweifelt ein Stück Normalität und Menschlichkeit zu bewahren. Als Collins den Verdacht hegt, dass Charles Dickens einen Menschen auf dem Gewissen haben könnte, beginnt ein grandioses Katz- und Mausspiel, das einem den Atem stocken lässt.

Dem Leser werden aber auch Momente der Ruhe und Entspannung gegönnt, denn neben dem thrillerartigen Hauptstrang der Handlung unternimmt der Erzähler, William Wilkie Collins höchstpersönlich, Ausflüge in die Literaturszene seiner Zeit. Auch wenn er sich anfangs als neutralen Chronisten darstellt, so ist bald erkennbar, dass selbst Collins ein kleiner Egozentriker ist, der sich der Nachwelt ins Gedächtnis rufen will. Offensichtlich wird dies, wenn Collins seine (und zum Teil auch Dickens`) Schriftstellertätigkeit vor dem Leser ausbreitet und somit Einblicke in seine Autorenseele gewährt. Aber damit ist es längst noch nicht getan, denn zugleich entfaltet Collins in breites Panorama des viktorianischen Londons und der damaligen Gesellschaft und führt somit dem Leser ein greifbares Bild davon vor, wie das Leben vor beinahe 150 Jahren gewesen sein mag.

Dan Simmons setzt mit seinem Roman "Drood" dort an, wo Charles Dickens unvollendetes Werk "Das Geheimnis des Edwin Drood" aufhört. Er erzählt dessen Lebensgeschichte und umrankt diese mit einer kriminalistischen Handlung, die nicht aufgelöst werden kann, da Dickens vor der Fertigstellung verstarb. Simmons greift in "Drood" den Schluss auf und verwebt diesen zu einem fesselnden Historienroman, gepaart mit einem Gesellschaftsporträt und mystisch angehauchten Elementen. Es bleibt beim Lesen nicht aus, dass man ein Gefühl von Beklemmung empfindet, denn insbesondere die plastische Darstellung Droods bewirkt beim Rezipienten eine leichte Gänsehaut, die sich erst nach dem Schließen des Buches langsam wieder legt.

Simmons bewegt sich normalerweise eher im Science-Fiction- und Horror-Genre. Wie bereits zuvor mit "Terror" wagt der US-amerikanische Schriftsteller nun erneut einen Ausflug in historische Gefilde. Statt auf überbordende Action setzt Simmons diesmal auf ruhige Pole. Er umrankt Realität mit Fiktion und andersrum und lässt so ein grandioses Gesellschafts- und Sittenporträt entstehen, das Lesern Charles Dickens` Welt auferstehen lässt und diesem zugleich einen tiefen Blick in dessen (Schriftsteller-)Seele ermöglicht. Diese Mischung aus fundierter Biographie, dunkler Mystik und lebensnahem Gesellschaftsroman machen "Drood" trotz seiner knapp 1000 Seiten zu einer unterhaltsamen Abendlektüre, von der man lange zehren kann.

Susann Fleischer
08.02.2010

 
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Das Buch:

Dan Simmons: Drood. Aus dem Amerikanischen von Friedrich Mader

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Mnchen: Heyne Verlag 2009
976 S., 24,95
ISBN: 978-3-453-26598-1

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