Romane

Von den Wirrungen der allergrten Gromeister

"Die letzte Partie" ist ein Roman über die beiden bedeutendsten Schachspieler der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts: zum einen José Raúl Capablanca, der geradlinige und in seiner schachlichen Einfachheit unerreichte Kubaner, der als Lebemann und Frauenheld par excellence auch abseits der Schachbretts zahlreiche Erfolge feierte, und zum anderen der Russe Alexander Aljechin, dessen Verwicklungen und Verquickungen mit den Nazioberen retrospektiv seinem Ruhm als Schachspieler leider einen sehr großen Schatten überwerfen.

Der Sizilianer Fabio Stassi hat den vorliegenden - seinen dritten - Roman um diese beiden historischen Personen gesponnen. Tatsächlich entstammen darüber hinaus auch noch sehr viele der im Roman erwähnten Ereignisse der historischen Realität. Die fiktiven Elemente hat der 47-jährige Bibliothekar größtenteils auf der emotionalen Ebene verarbeitet oder leicht verändert dargestellt. Während der körperliche Zusammenbruch Capablancas, auf den das Buch in seinem Höhepunkt zustrebt, tatsächlich beim Kiebitzen im Manhattan Chess Club in New York stattfand und nicht im Rahmen einer letzten, dem vorliegenden Buch namenspendenden Partie in Rio Preto, starb Aljechin - wie in „Die letzte Partie“ geschildert - in einem Hotel im portugiesischen Estoril, wobei bis zum heutigen Tage die Umstände seines Todes noch ungeklärt sind.

Capablanca hatte 1921 den amtierenden Weltmeister Lasker in Havanna besiegt und galt in seiner Glanzzeit als nahezu unschlagbar. Nicht umsonst gibt es in der Schachliteratur ein Buch mit "Capablancas Verlustpartien", ein eindeutiger Fingerzeig mit welcher Seltenheit diese auftraten. Daher war die Schachwelt auf den Kopf gestellt, als er sechs Jahre nach seinem Triumph auf Kuba das Duell gegen Aljechin in Buenos Aires verlor und seinen Titel als Weltmeister abtreten musste. Aljechin glänzte in der Folgezeit mit Alibi-Titelverteidigungen gegen schwächere Herausforderer, Capablanca ging er sogar bei normalen Turnieren über neun Jahre lang erfolgreich aus dem Weg. Obwohl Capablanca auch nach dem Verlust des WM-Titels immer noch auf allerhöchstem Niveau spielte, sollte ihm keine weitere Gelegenheit zuteil werden, den Titel von Aljechin zurückzuerobern.

Dieses verzweifelte Streben nach einer zweiten Chance wird von Stassi als Hauptthema des vorliegenden Buches verarbeitet: Capablanca lässt während seiner letzten Partie gegen einen nicht namentlich erwähnten Amerikaner, einem entscheidenden Match um das Recht der Herausforderung Aljechins, seine Gedanken kreisen und Stassi auf diese Weise in willkürlichen räumlichen und zeitlichen Sprüngen das Leben des Kubaners erzählen. Dabei wird dem Leser auf tragische Weise klar, für wie unvollendet Capablanca sein Leben ob der ihm niemals zuteil werdenden zweiten Chance sieht. Aljechins Sterben vier Jahre nach Capablancas letzten Atemzügen umrahmt diese letzte Partie Capablancas in zwei Kapiteln. Für ein Buch über Schachspieler ist es wenig überraschend, dass der Roman mit exakt 64 Kapiteln entsprechend der Anzahl der Felder auf einem Schachbrett einen Zusammenhang zwischen Inhalt und äußerer Form herzustellen vermag. Zahlentechnisch bleibt noch anzumerken, dass die Schachgötter zwei ihrer liebsten Kinder während ihres 53. Lebensjahres zu sich geholt hatten, Aljechin dabei sogar als amtierenden Weltmeister.

Fabio Stassi versteht es brillant, diese beiden Großen ihres Sports in ihren extremen Zügen zu präsentieren, insbesondere fesselt er den Leser mit Capablancas Besessenheit, ein zweites Duell gegen Aljechin zu erlangen, ein Streben, das ihn über 15 Jahre lang bis in seinen Tod hinein eingenommen hat. Der Autor und die Übersetzerin der deutschen Ausgabe beweisen abgesehen von einer kleinen, wohl übersetzungstechnischen Ungenauigkeit ihre Schachexpertise durch Formulierungen, die selbst von Schachexperten oder -journalisten nicht anders gewählt worden wären. Dabei wurde Stassi nur durch einen bedauernswerten Umstand auf das Thema dieses Buches aufmerksam, wie er im Vorwort erwähnt: Ein befreundeter Schriftsteller hatte nämlich eine Romanbiografie über José Raúl Capablanca geplant. Jedoch kam diesem sein eigener Tod zuvor, so dass dieses letzte Projekt seines Freundes durch Fabio Stassis Erzählung einen würdigen Abschluss gefunden haben dürfte. Mit Stassi und "Die letzte Partie" hat ein hoffnungsvoller Italiener die Literaturbühne betreten, den es zukünftig genau zu beobachten gilt. "Die letzte Partie" wird in der Presse auf jeden Fall nicht zu Unrecht in höchsten Tönen gefeiert!

Christoph Mahnel
24.08.2009

 
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Das Buch:

Fabio Stassi: Die letzte Partie. Aus dem Italienischen von Monika Kpfer

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Zrich: Kein & Aber Verlag 2009
234 S., 19,90
ISBN: 978-3-036-95535-3

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