Romane

berwundene Untertnigkeit

2008 erschienen und somit kurz vor dem Erinnerungsjahr 2009, 20 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, wird Jan Kuhlbrodts Buch "Schneckenparadies" ein Opfer der inflationären Erinnerungen des Jubiläumsjahrs sein. Der Autor möchte Aufmerksamkeit, viel Aufmerksamkeit für sein Buch mit dem poetischen Titel, das von sehr prosaischer Natur ist. Kuhlbrodt ist ein vielfach Ambitionierter. Er ist ein angestrengt ambitionierter Autor. 1966 in Karl-Marx-Stadt (heutiges Chemnitz) geboren, hat er Gründe genug, über sein Herkommen zu reden und sich über sein Hinkommen auszulassen.

Kindheits- und Jugendgeschichten sind dem Verfasser wesentliche Geschichten. DDR-Kindheits- und Jugendgeschichten, wie sie vor anderthalb Jahrzehnten Stefan Krawczyk beispielhaft als eine Folge anschaulicher Geschichten erzählte. Kuhlbrodts Geschichten sind weder außergewöhnlich noch einzigartig. Kuhlbrodt ist kein exzellenter Erzähler. Die Bildhaftigkeit des Buchtitels weckt Erwartungen, die der Autor nicht erfüllt. Was er bietet, hat selten etwas mit der "großen Leichtigkeit" des Erzählens zu tun, wie behauptet wird. Wieso große Leichtigkeit unterstellen, wenn unverkennbar ist, welch gründlicher Grübler der Schreiber ist, dem fast alles zur Reflexion gerinnt? Sagt der Mann mit der DDR-Herkunft über die Bundesdeutschen, dass "[m]an sich weniger fürs Analytische als fürs Anekdotische [interessierte]", ist damit seine Haltung formuliert. Der Schriftsteller ist einer, der beschreibt, reflektiert, analysiert. Dem Bildlichen wie Anekdotischen durchaus aufgeschlossen, umhüllt er Bildhaftes und Anekdotisches fürsorglich mit dem essayistischen Mantel. Kuhlbrodt schreibt eine Beschreibungs-, Erklärungsprosa, die gelegentlich belehrt. Warum nicht? Doch erbaulich ist der studentisch-seminaristische Stil nicht. Was leicht sein könnte, ist schwerfällig. Was grüblerisch sein will, ist griesgrämig. Was genau sein will, ist ungenau. So wie die falschen Jahresangaben zum Kölner Konzert von Biermann (1977?), zur Tschernobyl-Tragödie (1984?) ...

"Schneckenparadies" ist ein monologisches Buch, das auf Dialog aus ist. Damit der möglich wird, ist die Achtsamkeit für den Autor nötig. Jan Kuhlbrodts Achtsamkeit, nicht zu versagen, heißt, Satz für Satz zu lesen. Es gibt gute, gescheite Sätze, die weit über gutgemeinten Sätzen stehen. Zum Beispiel: "Ein Staat erzeugt die Untertanen, die er verdient." Kuhlbrodt schreibt als Untertan. Als der, der untertänig war. Mit unverhohlenem Stolz hat er Szenen von der Überwindung der Untertänigkeit verfasst. Die Szenen sind (auch) Selbst-Gespräche. Die Selbstgespräche sind voller Selbstbefragungen und Selbstantworten. Es sind Gespräche eines aufrichtigen Menschen, der auf keine Abrechnung aus ist. Es sind Gespräche der Aufrechnung, die das Verhalten des Autors vor 1989 und nach 1989 addieren. So viele Äußerungen vordergründig sind, so viele sind hintergründig. In den besten Passagen sogar locker und heiter. Jan Kuhlbrodts bemühtes, redliches Offensein und Offenlegen hat Respekt verdient. Selbstverdient. Darauf stolz sein? Wieso nicht? Und wieso die Leser nicht dahin bringen, sich stolz zu erinnern? Ehe sie sich wieder in ihr Kleingartenschneckenhaus zurückziehen.

Bernd Heimberger
14.04.2009

 
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Das Buch:

Jan Kuhlbrodt: Schneckenparadies

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Leipzig: Plttner Verlag 2008
140 S., 14,90
ISBN: 978-3-938-44255-5

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