Romane

Chronik eines Niedergangs

England 1944: Der britische Offizier Charles Ryder bezieht mitten in der Nacht mit seinen Truppen ein neues Lager. Erst am nächsten Morgen erkennt er, wo er sich befindet: Schloss Brideshead. Mit diesem Anwesen verbinden ihnen viele Erinnerungen, die ihn in Gedanken in eine prägende Zeit in seinem Leben zurückversetzen.

Im Rückblick erzählt Charles von seiner ersten Begegnung mit dem leicht extravaganten, depressiven Sebastian Flyte, dessen Familie Schloss Brideshead gehört. Sie studieren zusammen in Oxford, freunden sich an – wobei eine Beziehung, die über Freundschaft hinausgeht, nicht ausgeschlossen ist – und genießen zusammen ihr Studentenleben. Als Sebastian Charles 1922 zum ersten Mal auf das Anwesen der Familie mitnimmt, lernt der bürgerliche Charles eine ganz neue Welt – die Welt der (allmählich zerfallenden) Aristokratie – kennen: Auf Schloss Brideshead führt Lady Marchmain, Sebastians Mutter, ein strenges, katholisches Regiment. Ihr Mann, Lord Marchmain, der sich vom Glauben abgewandt hat, lebt seit vielen Jahren mit seiner Geliebten in Venedig.

Je mehr Charles sich auf die Familie Flyte, insbesondere die Hausherrin, einlässt und in ihren Bann gerät, desto mehr Verachtung erntet er von Sebastian, der sich zunehmend in den Alkoholismus flüchtet, um die Probleme mit seiner Familie zu verdrängen. Sebastians ältere Schwester Julia heiratet – nicht nur zu Charles’, sondern auch Lady Marchmains Missfallen – den Neureichen Rex Mottram. Zehn Jahre später trifft Charles – inzwischen selbst verheiratet und Vater zweier Kinder – auf einem Dampfer von Amerika nach England zufällig Julia wieder. Sowohl Julias als auch Charles’ Ehe sind alles andere als glücklich. Beide fühlen sich noch immer zueinander hingezogen, denn beide haben in der langen Zeit der Trennung ihre große Liebe nie vergessen.

Komplett durchzogen wird Evelyn Waughs erstmals 1945 erschienener Roman von der Diskussion über Katholizismus; selbst der schon lange „in Sünde lebende“ Lord Marchmain kehrt auf seinem Sterbebett zum Katholizismus zurück und empfängt die letzte Salbung. Waugh versteht es, in opulenter Weise davon zu erzählen, wie sehr das Glück und Schicksal der Individuen des Romans in der Hand von Tradition und Glauben liegen – überholte Werte, die ihre Träger zum Untergang verdammen. Charles dokumentiert als Außenstehender nicht nur den Untergang einer einzelnen Familie, sondern eines gesellschaftlichen Systems. Die Reize dieses Romans liegen nicht in einer schnell entfachten Faszination, sondern in einer Form von Traurigkeit und Schwere, die sich langsam über die Geschichte und den Leser legen und ihn auch genauso langsam, dafür aber umso tiefer in seinen Bann ziehen.

Sabine Mahnel
20.10.2008

 
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Das Buch:

Evelyn Waugh: Wiedersehen mit Brideshead. Die heiligen und profanen Erinnerungen des Hauptmanns Charles Ryder. Aus dem Englischen von Franz Fein

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Berlin: List Verlag 2008
351 S., 8,95
ISBN: 978-3-548-60831-0

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