Romane

Gelebtes Gewissen

"Ein Eremit isst nicht viel" heißt es in Ramiro Pinillas Roman "Der Feigenbaum". So wenig ein Eremit auch essen mag, Sex hat er offenbar überhaupt keinen. Jedenfalls dieser Rogelio Cerón, der drei Jahrzehnte auf einer Wiese neben einem heranwachsenden Feigenbaum lebt. Die Geschichte des Hüters des Feigenbaums kennt keiner, der zu Rogelio pilgert und ihn wie einen Heiligen verehrt. Der Eremit ist weder ein Verlassener noch ein Einsamer. Rogelio hat einen Auftrag, dem er sich nicht entziehen kann. Er hat eine Aufgabe, die er gewissenhaft bis zum bitteren Ende erfüllt.

Pinilla erzählt in "Der Feigenbaum" die Geschichte eines gelebten Gewissens. Mit Gewissen zu leben bedeutet, mit beispielhafter, unbeirrbarer, unbeeinflussbarer Konsequenz zu leben. Die Unbeirrbarkeit, Unbeeinflussbarkeit, Konsequenz macht das Schicksal Rogelios beispielhaft. Aller Fragwürdigkeit zum Trotz. Die Beispielhaftigkeit ist die inhaltlich-geistige Substanz des Buches. Der Roman ist ein herausragendes Ereignis. Nicht nur der jüngeren baskischen Literatur. Geschrieben von einem Prosaisten, der auch seine persönliche Konsequenz demonstrierte. Seit 1971 hatte Ramiro Pinnilla nicht publiziert. Nach der 2004 veröffentlichten Familiensaga, ist "Der Feigenbaum" das neueste Werk des Basken. Das Buch bringt die Tragödie des 20. Jahrhunderts ins Bewusstsein der Menschen des 21. Jahrhunderts. Das ist umso erfreulicher, wenn das einem Schriftsteller derart eindrucksvoll gelingt wie in "Der Feigenbaum". Kein handlungsreicher Roman, wird intensiv von den Folgen einer einzigen Nacht berichtet. Einer Nacht des Jahres 1937, in der die Schergen Francos, die Falangisten, als Mörderbanden durch die spanischen Provinzen zogen und ungestraft Menschen liquidierten, die sie als ihre Gegner betrachteten. Menschen wie Federicio Garcia Lorca, den bedeutendsten spanischen Dichter seiner Generation.

Rogelio, Anfang Zwanzig, verlobt, Falangist, ist einer der gewissenlosen Mörder. Mitmörder! Bis zu dem Moment, in der einen Nacht, da er den festen, durchdringlichen Blick eines Zehnjährigen registriert, dessen Vater und 16-jähriger Bruder Opfer der Falangisten werden. Dieser Blick des Jungen zwingt Rogelio schließlich zur Räson. Es ist nicht so, dass er von einer Sekunde zur anderen ein Begreifender, Besonnener, gar reuevoll Geläuterter ist. Die Umkehr, die Einkehr des Mörders zu einem einsichtigen Eremiten, ist die innere Handlung des Romans. Die Einkehr des Eremiten ist die einer geistigen Bewegung. Sie ist derart berührend, dass mit einem zunehmend trockener werdendem Mund gelesen wird.

Ramiro Pinilla erzählt, was geschieht, wenn der Mensch im Menschen nicht den Menschen sieht. Ist das so, triumphieren irrwitzige Ideen wie die des Faschismus. Ist das so, triumphiert die Unmoral, die der Maßstab für die Menschenverachtung ist und jede Gewalt rechtfertigt. Mit dem in Rogelio gebildeten Gewissen inthronisiert der Autor die Moral, auf die die Menschheit im Interesse ihres Fortbestandes angewiesen ist. Jene Moral, die die Gleichheit eines jeden Menschengesichts akzeptiert und propagiert. Geschrieben mit einem unerschütterlichen Glauben an den Humanismus, ist "Der Feigenbaum" von der ersten bis zur letzten Zeile ein der Humanität gewidmetes Werk. Ein Wort, das so selten geworden ist wie die gravierende Kraft des Humanismus, die die Welt verändern kann. Um diese Kraft zu mobilisieren ist der Roman des 85jährigen Schriftstellers da. Dann und wann das Lesen des Buches unterbrechen zu müssen bedeutet, die Stunden zu bedauern, in denen nicht gelesen werden kann. "Der Feigenbaum" ist ein Roman, dem man nach dem letzten Satz am liebsten weiter- oder noch einmal lesen möchte. Ramiro Panilla hat sich mit seinen neuen Büchern an den Nobelpreis herangeschrieben.

Bernd Heimberger
09.06.2008

 
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Das Buch:

Ramiro Pinilla: Der Feigenbaum

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Mnchen: dtv 2008
318 S., 14,90
ISBN: 978-3-423-24660-6

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