Romane
Ein aberwitziger Roadtrip durch die deutsch-deutsche Geschichte mit "Forrest Gump"-Vibes
Heinz Labensky und Rita Warnitzke lernen sich im März 1953 kennen. Es ist Freundschaft auf den ersten Blick. Er acht Jahre alt, sie zwei Jahre jünger und um einiges klüger. Gemeinsam gehen sie in der Grundschule und in ihrer Freizeit durch dick und dünn. Insbesondere Rita hat es nicht leicht im Leben. Ihre Mutter tot, der Vater ein Alkoholiker, der seine Tochter regelmäßig misshandelt. Heinz ist Ritas einziger Halt. Bis ihre Wege sich trennen. Er zieht nach Erfurt, arbeitet unter anderem als Hausmeister und Heizer; sie träumt derweil in Ost-Berlin von einer Karriere als Was-auch-Immer. Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall will sich Heinz auf die Suche nach Rita begeben. Heinz steigt in den Flixbus nach Warnemünde, und erzählt auf der gut 500-Kilometer-Fahrt über Leipzig und Berlin Wildfremden seine Geschichte.
Auf der Fahrt animieren den mit blühender Fantasie gesegneten Heinz die verschiedensten Mitfahrenden zu einer Reise durch die eigene Vergangenheit und er erzählt eine haarsträubende Geschichte nach der anderen. Wie zum Beispiel über IM Schleicher und IM Schläfer, die beim "Kommando Willy Brandt" mitwirken. Oder die Taxifahrt mit Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof von der Roten-Armee-Fraktion. Heinz hat einiges erlebt; mindestens so viel Aufregendes wie Forrest Gump, und entsprechend viel zu erzählen. So vergeht der Roadtrip wie im Fluge. Doch am Meer angekommen, steht Heinz abermals an einem Scheideweg. Er muss eine Entscheidung treffen. Will er die Wahrheit erfahren und die Realität so akzeptieren, wie sie ist? Oder will er weiter in seiner selbst geschaffenen Fantasiewelt leben?
Belletristik, die einen glatt vom Hocker haut - was Anja und Michael Tsokos schreiben, bricht einem das Herz nach nur wenigen Sätzen. "Heinz Labensky - und seine Sicht auf die Dinge" muss man einfach als Geniestreich unter den Neuerscheinungen der letzten Jahre beschreiben. Warum? Weil man mit dem vorliegenden Buch für ein Vergnügen à la "Forrest Gump", allerdings verfasst von keinem Geringeren als Jonas Jonasson, in die Hände bekommt. Und sich über viele, viele Stunden lang aufs Grandioseste unterhalten fühlt. Kein leichtes Unterfangen, wenn ein Teil des Autoren-Duos Deutschlands wohl bekanntester Rechtsmediziner ist und erfolgreich mit Thrillern sowie True-Crime. Dennoch eines, das Tsokos ohne Mühe meistert. Er und seine Frau Anja reihen sich ein in die Top-Liga der Schriftsteller weltweit.
Wer die Geschichten von Jonas Jonasson oder Fredrik Backman mag, wird sich in "Heinz Labensky - und seine Sicht auf die Dinge" verlieben; und zwar Hals über Kopf. Anja und Michael Tsokos gelingt Literatur, die den Leser mitnimmt auf eine besonders wilde Gefühlsachterbahnfahrt. Und man genießt jede einzelne Sekunde davon mit ganzem Herzen. Solch ein Roman muss unbedingt in jedem Bücherregal stehen! Dieser bietet alles für einen perfekten Lektüreabend: vor allem jede Menge an erstklassiger, großartiger Unterhaltung mit der Suchtwirkung von Drogen.
Susann Fleischer
27.07.2026
