Romane
Wahre Liebe überwindet selbst den Tod - doch manchmal tut Wahnsinn das auch
Anfang der 1950er Jahre arbeitet Roos als Medium. Für die Kunden ihrer Ziehmutter nimmt die junge Frau Kontakt zu Verstorbenen auf. Kerzen flackern, Dielen knarzen, alles Inszenierung - fast, denn Roos sieht tatsächlich einen Geist. Seit ihrer Kindheit ist Ruth an ihrer Seite, sichtbar nur für sie. Was einst als Fluch begann, ist der einzige Lichtblick in einem Leben voller Séancen und Misshandlungen. Bis die wohlhabende Witwe Agnes Knoop Roos bei sich aufnimmt. Sie fühlt sich Agnes tief verbunden, doch das riesige Herrenhaus, in dem die beiden leben, riecht nach kalter Erde und Geheimnissen. Aus den Wänden dringt ein Flüstern, unheimliche Gestalten huschen durch die Korridore und die mysteriösen Statuen in der Familienkapelle starren Roos aus hohlen Augen an. Etwas Uraltes, unaussprechlich Böses nistet in diesen Mauern - und drängt danach auszubrechen.
Roos hat Schwierigkeiten, sich an ihr neues Leben zu gewöhnen. Sie kämpft, stets geplagt von der Angst, Agnes könnte sie vor die Tür setzen und Roos müsste zurück zu ihrer Ziehmutter. Daher verschreibt sie sich Agnes mit Haut und Haar. Für Agnes würde sie alles auf sich nehmen. Wirklich alles! So zum Beispiel deren verstorbenen Gatten aus seinem Grab zu befreien und im Moor zur letzten Ruhe zu betten. Ohne zu wissen, dass Thomas Knoops Tod alles andere als ein tragischer Unfall war. Dann geschieht ein Mord. Roos wird zur Hauptverdächtigen. Doch sie behauptet, ein Geist sei der wahre Täter. Ein Psychiater, der ihre Zurechnungsfähigkeit prüfen soll, glaubt an eine Wahnvorstellung. Aber Roos weiß es besser. Sie kennt die Geister. Sie liebt einen von ihnen. Zwischen Liebe und Wahnsinn muss sie beweisen, dass sie die Wahrheit sagt. Oder sie wird alles verlieren, was ihr je etwas bedeutet hat.
Belletristik mit noch nie dagewesenem Suchtfaktor - fast nichts im Bücherregal versetzt den Leser in solch einen Rausch wie die Geschichten aus Johanna van Veens Feder. Angenehme Schauer jagen einem während der Lektüre von "Mein zärtlicher Schatten" den Rücken rauf und runter. Was man hier in die Hände bekommt, ist eine Neo-Gothic-Novel, die unter die Haut geht, weil dunkel, verstörend und wunderschön. Für dieses Debüt hätte die Autorin definitiv einen Preis verdient. Zumindest war es für den Bram Stoker Award 2025 nominiert. Alle Achtung! Van Veen schreibt sich mit ihrem Erstling mittenhinein in zahlreiche Leserherzen. Kaum das vorliegende Buch aufgeschlagen, verschlägt es einem Atem und Sprache. So grandios ist die Story, außerdem so einzigartig und poetisch, dennoch voller Finsternis. Chapeau ob solch einer Meisterleistung! Einfach nicht zu übertreffen!
Mary Shelley ("Frankenstein oder Der moderne Prometheus"), Robert Louis Stevenson ("Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde") und Edgar Allan Poe gelten als DIE Vertreter der Schauerliteratur. Ihre Werke gelten als Klassiker, die unbedingt in jede Heimbibliothek gehören. Die Debütantin Johanna van Veen bringt das Genre in die Moderne und zeigt, dass Horror auch heute noch bestens funktioniert. "Mein zärtlicher Schatten" sorgt für Gänsehaut am ganzen Körper. Und dennoch, oder gerade deshalb (?), genießt man jeden einzelnen Satz des vorliegenden Roman; und zwar mit allen Sinnen!
Susann Fleischer
15.06.2026
