Romane
"Und der Haifisch, der hat Zähne ..."
Seit fast einem Jahrhundert begeistert "Die Dreigroschenoper" Menschen aus vielen Generationen. Bertolt Brechts Meisterwerk feierte im Jahre 1928 seine Uraufführung in Berlin. Die Handlung ist bestens bekannt: Im zwielichtigen Londoner Stadtteil Soho tummeln sich Gauner, Huren und Bullen. Auf der einen Seite ist da Mr. Peachum, der König der Bettler, der mit seinen Bettelbanden das Mitgefühl ehrbarer Bürger täuscht und ihnen dabei das Geld aus den Taschen zieht. Auf der anderen Seite treibt der Verbrecher Macheath, besser bekannt als Meckie Messer, mit seiner Bande sein Unwesen. Dabei kommen ihm seine guten Beziehungen zum Londoner Polizeichef zugute. Zu allem Überfluss hat sich Meckie Messer in Polly verliebt, die Tochter des Bettlerkönigs. Ungemach ist ob dieser zweifelhaften Liason zu befürchten. Und so nehmen die Ereignisse in der "Dreigroschenoper" ihren Lauf.
Die Ursprünge von Brechts "Dreigroschenoper" reichen zurück bis ins frühe 18. Jahrhundert. Rund zweihundert Jahre später hatte Brecht die englischsprachige Vorlage so weit angepasst, dass letztlich die Oper entstanden war, die eigentlich keine Oper ist, sondern vielmehr ein Theaterstück mit Schauspielern und Gesangspassagen. Den Namen "Dreigroschenoper" erklärte Brecht selbst in seinem Intro dazu. Demnach war eine Oper so prunkvoll gedacht, wie sie nur Bettler erträumten, aber gleichzeitig sollte sie so billig sein, dass Bettler sie bezahlen könnten. Ergo war aus "The Beggar's Opera" die "Dreigroschenoper" geworden. Nach der Uraufführung in Berlin folgten erste Schallplattenaufnahmen und Verfilmungen. "Die Dreigroschenoper" hielt fortan Einzug in die deutsche Kulturgeschichte und hält auch heute noch Textpassagen wie "Erst kommt das Fressen, dann die Moral" bereit, die gerne zitiert werden, ohne dass bei den Zitierenden das Wissen um den Ursprung des Zitats immer gesichert ist.
Nun hat der Suhrkamp-Verlag eine illustrierte Variante von Bertolt Brechts "Die Dreigroschenoper" herausgebracht, die auch vielen Kulturmuffeln auf die Sprünge helfen wird, sich diesem Werk zu nähern. Katja Spitzer, Jahrgang 1979, ist eine umtriebige und gleichzeitig erfolgreiche Illustratorin, die ihre Werke europaweit veröffentlicht. Im vorliegenden Buch überzeugt sie mit ihrem unverkennbaren Stil, die Protagonisten in Szene zu setzen. Mit viel Liebe für Details staffiert sie die handelnden Personen aus, so dass diese über das ganze Buch hinweg einen hohen Wiedererkennungswert haben. Meckie besticht durch seine Narbe oberhalb der rechten Wange, Polly mit ihren leicht roten Bäckchen und den verspielten Ohrringen, dagegen kommt ihr Vater mit der profilierten Nase eher plump daher.
Es ist ein Auf und Ab, ein Hin und Her in der Handlung. Wer vertraut gerade wem? Und wer verpfeift für ein paar Pfund gerade jemand anderen? Der spontanen Hochzeit im Pferdestall sind im Nachgang keine glücklichen Flitterwochen beschieden, stattdessen geht es turbulent zu. Polly steht fortan zwischen Meckie und ihren Eltern, Meckie zwischen Polly und Huren, mit denen er so manche Erfahrung teilt. Im Showdown scheint alle Hoffnung verloren, doch hatte Bertolt Brecht schon damals ein Faible für Plot Twists, ohne dass sie damals so genannt wurden.
"Die Dreigroschenoper" überzeugt in der vorliegenden Ausgabe als hochwertiges Comic mit den vollständigen Texten Brechts, also sämtlichen Dialogen und Liedtexten. Der begeisterte Leser und Betrachter wird seinen Dank an Katja Spitzer für ihre Illustrationen und an den Suhrkamp-Verlag für den Mut, Kunst in dieser Form auf den Markt zu bringen, richten. Denn Macheath, Polly, der Bettlerkönig oder auch Spelunkenjenny und ihre Triebe, Motivationen und Durchtriebenheiten sind aktueller denn je. Brechts Gesellschaftskritik zielte im vergangenen Jahrhundert zum Ende der Zwanziger Jahre natürlich auf eine gänzlich andere Situation in Deutschland, doch in ihrer Schlagrichtung gegen Kapitalismus und Bürgerlichkeit ist sie auch heute noch relevant. Das Interesse an Inszenierungen und Aufführungen ist weiterhin ungebrochen. Mit dem vorliegenden Buch haben nun auch Leser Zugang zur "Dreigroschenoper" gefunden, der sich ihnen anderweitig womöglich nicht geboten hätte.
Christoph Mahnel
01.12.2025
